Aktuelle Ausgabe
2012-20

Hans Schulte betreute von 1961 bis 1966 als Maurermeister ein Misereor-Projekt in Kenia

Pionierarbeit in Afrika geleistet

Gemeinsame Erinnerungen an Afrika: Hans und Magdalena Schulte. Foto: Wiedenhaus

Erzbistum. An diesem Sonntag ist Misereor-Fastensonntag. Dann wird in allen katholischen Gottesdiensten für notleidende Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika gesammelt. Das Hilfswerk Misereor wurde 1958 von der Bischofskonferenz gegründet und hat seit 1959 über 89 000 Projekte in über 100 Ländern mit insgesamt rund 4,9 Milliarden Euro gefördert. Gerade zu Beginn der Aktivitäten wurde in vielen Ländern von den Entwicklungshelfern echte Pionierarbeit geleistet.

von Andreas Wiedenhaus

„Hans, du spinnst!“ Wie oft Hans Schulte vor rund 50 Jahren in seiner Heimatstadt Arnsberg diesen Satz gehört hat, weiß er nicht mehr so genau: „Viele konnten mich einfach nicht verstehen.“ Damals, 1960, klang Schultes Idee in den Ohren der meisten Menschen wirklich ziemlich verrückt: Der damals 22-Jährige wollte als Entwicklungshelfer nach Afrika gehen. Abbringen ließ sich der „Verrückte“ aber nicht. Er bewarb sich bei der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe in Köln, absolvierte Tests – und wurde genommen.

Im Mai 1961 wurde es Ernst für den damals 22-Jährigen, der zuvor gerade mit einer Sondergenehmigung die Prüfung als Maurermeister abgelegt hatte: Das Abenteuer Afrika begann. Kenia lautete das Flugziel, Aufbau einer Handwerkerschule in Kaiboi der Auftrag. „Im Gepäck hatte ich meine Maurerkelle, Wasserwaage, mein Zeichendreieck und was an Werkzeug sonst noch hineinpasste.“ Natürlich durfte auch das Foto seiner Verlobten Magdalena nicht fehlen. Finanziert wurde das Projekt von Misereor, Planung, Materialbeschaffung und Ausführung – all dies wurde direkt vor Ort geregelt. Afrika zu Beginn der Sechzigerjahre: Das bedeutete kein fließendes Wasser, keinen Strom. Natürlich gab es auch kein Telefon. „Man schrieb eben Briefe.“ Doch die waren selbst per Luftpost rund zwei Wochen unterwegs.

Was Schulte in Kaiboi vorfand, war dementsprechend nicht allzu viel: Ein paar Lehmhütten mit Wellblechdach standen in der Nähe einer Missionsstation. Auch sonst war alles „überschaubar“. Hans Schulte: „Es gab weder Maschinen noch Werkzeug.“ Die Liste der Dinge, die fehlten, war um einiges länger als die des Vorhandenen. Doch fehlende Technik wurden gemeinsam wettgemacht: Schultes Fachwissen und Organisationstalent gepaart mit der Motivation der Kenianer und afrikanischem Improvisationstalent fanden für alles eine Lösung: „Wir wurden ein wirklich gutes Team“, sagt sich der 71-Jährige, während er in seinem Wohnzimmer in Paderborn alte Schwarzweiß-Fotos betrachtet. „Die Jungs waren unheimlich motiviert“, erinnert er sich und lächelt. Improvisiert wurde auch in Sachen Verständigung: „Englisch, Deutsch, die Stammessprache der Kenianer, Platt und Holländisch – mit diesem Mischmasch klappte auch das.“

Gemeinsam wurden die ersten Gebäude hochgezogen, ein großer Wassertank unter der Erde gebaut. „Trotzdem war ich anfangs sicherlich zu ungeduldig“, meint Schulte heute im Rückblick. Es wurde ihm klar, dass drei Jahre für das Projekt zu kurz waren. „So entstand die Idee, den Vertrag vorzeitig zu verlängern.“ Doch da war zu Hause seine Verlobte Magdalena, die zuerst nicht sehr begeistert von seiner Idee gewesen war.

Der Entwicklungshelfer flog für einige Wochen nach Deutschland, um alles zu klären. Bei der Rückkehr Anfang Oktober 1963 war dann wirklich alles geregelt: Er hatte nicht nur einen neuen Vertrag unterzeichnet, sondern kehrte als Ehemann mit seiner Frau nach Kenia zurück.

Das Projekt schritt voran, und Schultes gründeten eine Familie in Kaiboi: Sohn An-dreas und Tochter Birgit kamen zur Welt. „Wir waren optimistisch und sicherlich auch ein wenig unbekümmert“, erinnert sich Magdalena Schulte heute, wenn sie auf die Zeit und die Umstände zurückblickt.

Die Gebäude der Handwerkerschule waren mittlerweile fertiggestellt, und das Team aus Maurern, Schreinern und Schlossern hatte sich einen guten Ruf im Umkreis erworben. So entstand die Idee, Bauaufträge zu übernehmen. In der Folgezeit entstanden eine Reihe von Kirchen und Gemeindehäusern. Für Familie Schulte aber näherte sich der Zeitpunkt der Rückkehr nach Deutschland: „Allein schon wegen der Kinder gab es dazu keine Alternative.“ Nicht nur der Abschied 1966 fiel schwer: „Auch die Eingewöhnung in der Heimat brauchte ihre Zeit“, sagen beide heute. Doch bereut haben sie ihr „Afrika-Abenteuer“ nie.

Die Erfolgsgeschichte in Kaiboi hält übrigens an: Aus der Handwerkerschule, zu der der Maurermeister damals gemeinsam mit anderen im wahrsten Sinne des Wortes den Grundstein legte, ist heute ein sehr angesehenes technisches Institut geworden: Das „Kaiboi Technical Training Institute“ genießt einen guten Ruf im gesamten Land.


24.05.2012
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