Aktuelle Ausgabe
2012-20

Chartres lebt von und mit seiner Kathedrale

Provinz mit Charme

Ein bisschen ermüdend ist es schon, das platte Land, das sich westlich von Paris erstreckt. Felder, Wiesen, mal ein Baum: ganz viel Landschaft, Kulturlandschaft auch, aber nichts, woran sich das Auge festhalten könnte. Bis, plötzlich und unerwartet, am Horizont die Kathedrale von Chartres zu sehen ist: ein Gebirge, ein Rätsel; ja eigentlich ein Wunderwerk.

Text und Fotos: Alexander Brüggemann (KNA) 

Den kunsthistorischen Rang der frühgotischen Bischofskirche, erbaut zwischen 1194 und 1260, mag man schon daran erkennen, dass sie bereits 1979 auf der ersten Liste des UNESCO-Weltkulturerbes auftaucht. Chartres selbst, die Hauptstadt des Departements Eure-et-Loire, ist auch eine Schönheit, eine eher unscheinbare zwar. Doch erst seine Hauptkirche macht das Provinzstädtchen mit seinen gerade mal 40300 Einwohnern und seiner mittelalterlichen Bausubstanz ebenbürtig für seine klanghaften Partnerstädte: Ravenna, Speyer – und Bethlehem, immerhin nicht die geringste unter den Fürstenstädten Judas.

Chartres war in der Antike unter den Namen Autricum und Carnotum bekannt und seit dem vierten Jahrhundert Bischofssitz. Als Geschenk überbrachte Kaiser Karl der Kahle 876 eine Reliquie: die „sancta camisia“; jene Tunika, die Maria bei der Verkündigung durch den Engel (nach anderer Überlieferung: bei der Geburt Jesu) getragen haben soll. Bis heute wird ein 30 mal 30 Zentimeter großes Tuch, das im Mittelalter Pilger und Wohlstand in die Stadt brachte, hier als „Marienschleier“ verehrt. Zur Zeit des Bischofs Fulbert (gestorben um 1028), entwickelt sich die Kathedralschule von Chartres zu einem internationalen Zentrum der Bildung. Am Ende des 12. Jahrhunderts ist die Stadt auf dem Höhepunkt ihrer Bedeutung. Entsprechend hochfliegend sind die Pläne für einen Neubau, als die alte Kathedrale dem großen Stadtbrand von 1194 zum Opfer fällt.

Über 130 Meter lang wird das neue Gotteshaus, das – wie Bourges und Notre Dame in Paris – stilbildend für viele gotische Kathedralen in Frankreich wirkt. Einer der Schätze von Chartres sind die fast unbeschädigten Gruppen von insgesamt 4000 Skulpturen an den prächtigen Kirchenportalen: monumentale Heilige, alttestamentliche Charakterköpfe, fremdartig, streng und unnahbar. Sie scheinen sich selbst oder einander zu genügen, wo sie, offenkundig ungewollt zu Stein geworden, auf ewig ins Gespräch oder ins Gebet vertieft sind.

Der größte Schatz aber ist die kostbarste Sammlung mittelalterlicher Glasmalereien weltweit: 172 Fenster insgesamt mit 2600 Quadratmetern Fläche. Mit seinen Szenen aus der Bibel und seinen Heiligendarstellungen ist das „Universum von Chartres“ ein echtes Bilderbuch; die ältesten stammen aus dem 12. Jahrhundert.

Das „Blau von Chartres“ ist sprichwörtlich – wunderschön leuchtend etwa in der Madonnendarstellung des Monumentalfensters „Notre-Dame de la Belle Verrière“. Natürlich ist die Kathedrale der Gottesmutter geweiht. Zahlreiche Fenster greifen in ihrem Bildprogramm Marienmotive auf. Etwa eine Rosetten-Darstellung, auf der Maria dem Jesuskind ihre entblößte Brust zeigt, spielt auf eine fromme Überlieferung an, nach der die Gottesmutter dem sterbenskranken Bischof Fulbert die „heilige Milch“ gespendet haben soll – worauf dieser bald genesen sei.

Die Glaskunst ist Tradition und Kapital von Chartres bis heute. Das Centre International du Vitrail (Internationales Zentrum für Glasmalerei) in der Rue du Cardinal Pie, nur 50 Meter von der Kathedrale entfernt, empfängt Experten und Besucher aus der ganzen Welt. Im ehemaligen Kornspeicher für die 72 Domherren des Kathedralbezirks bieten die Meister für Interessierte elf verschiedene Kurse über je eine Woche an (E-Mail an contact@centre-vitrail.org). Für rund 600 Euro lernen die internationalen Praktikanten hier etwa, wie Fensterglas nach traditioneller mittelalterlicher Methode hergestellt und mühsam mit Zangen für die Bleieinfassungen zurechtgeschnitten wird. „Das macht richtig Spaß“, meint Luke Dove (52) aus New Orleans. „Ist aber auch ganz schön hart – weil der ganze Unterricht in Französisch stattfindet.“

Bei weitem nicht jeder Schüler des Zentrums ist von bloßem historischem Interesse geleitet. Corinne Verrion (27) aus der Auvergne etwa hat die Ecole des Beaux Arts, die Schule der schönen Künste, in Tours absolviert. Seit sechs Monaten ist sie nun hier, um die alten Grundlagen der Glastechnik zu erlernen – „und dann etwas ganz Persönliches, ganz Zeitgenössisches zu schaffen“, etwa durch Kombination von Glasmalerei und Fototechnik. Andere junge Leute absolvieren in Chartres eine staatlich geförderte Umschulung zum Glasfachwerker.

Im riesigen gotischen Gewölbekeller des einstigen Kornspeichers präsentiert Felicite Schuler-Lagier, Ehefrau und Mitarbeiterin des Direktors, stolz eine Ausstellung verschiedenster Techniken moderner Glaskunst: eine erstaunliche Virtuosität im Umgang mit Farben und Materialien. Hier sind Forschung wie Stil auf dem neuesten Stand. Denn nicht zuletzt tragen das Zentrum und die zahlreichen ortsansässigen Werkstätten Sorge und Verantwortung für die berühmten Glasfenster der Kathedrale. 80000 bis 100000 Euro, so Schuler-Lagier, kostet die Restaurierung von einem einzigen dieser Schätze.

Etwa 1,3 Millionen Besucher, davon rund 300000 Pilger, kommen pro Jahr nach Chartres. Allabendlich von April bis September verwandelt sich das Städtchen mit Einbruch der Dunkelheit in ein knallbuntes Freilichtmuseum. Dann werden unter der Bezeichnung „son et lumiere“ („Ton und Licht“) markante Gebäude der Altstadt mit Projektionen angestrahlt. Bei einem Spaziergang durch die Oberstadt mit der Kathedrale und ihrem Königsportal, mit dem einstigen Bischofspalast und entlang der Unterstadt am Flüsschen Eure mit seinen buckeligen Brücken entstehen magische Momente mit spektakulären Ausblicken. Höhepunkt ist Ende September das sogenannte Lichterfest mit einem mehr als beeindruckenden Feuerwerk sowie zahlreichen Konzerten.

Auch nach der Saison des „son et lumiere“ bietet Chartres im Herbst traditionelle Veranstaltungen. Von Oktober bis Anfang Dezember etwa das „Festival du Legendaire“ der Sagen und Legenden mit 30 öffentlichen Veranstaltungen: geführten Spaziergängen, Theateraufführungen und Konzerten an historischen Orten. Von Ende Oktober bis Ende November findet hier ein Internationales Treffen der Mosaikkünstler mit Ausstellungen von 260 Teilnehmern statt.

Chartres tut was, gibt sich geschäftig. Und in der Tat bleibt die Provinz nicht unverändert von den neuen Möglichkeiten des modernen Lebens. Mittlerweile nur noch eine Zugstunde von der Millionenmetropole Paris entfernt, ist Chartres für die Hauptstädter auch als Wohnort attraktiv geworden: Denn mit dem Regionalzug aus den Pariser Vorstädten brauchen sie ebenso lang zur Arbeit. Und auch viele Bürger von Chartres, die Jungen und Gebildeten, die die Job-Möglichkeiten traditionell eher in die Hauptstadt abwandern ließen, bleiben nun hier und pendeln lieber. Eine unerwünschte Folge sind anziehende Preise für Immobilien und Lebenshaltung.

Tatsächlich lässt es sich gut leben im alten Marktzentrum der Region Beauce. Hier gibt es die Zutaten für eine frische französische Küche: Wachteln an Linsengemüse mit Rucola und jungem Dill serviert man in der Moulin de Ponceau, einer umgebauten Mühle am Ufer des Eure. Aus dem Mehl der Beauce entsteht nicht nur ein besonders knuspriges Baguette, das in ganz Frankreich einen Namen hat, sondern auch ein talerförmiges Mürbegebäck namens „sable de Beauce“. In Erinnerung an das französisch-russische Bündnis von 1893 hat man hier zudem eine besondere Süßigkeit aus Nougat-Schokolade in weißem Baiser kreiert, die den Namen eines russischen Fürsten, „Mentchikoff“, trägt. Und auch wer‘s deftiger mag, kommt in Chartres auf seine Kosten: mit einer lokalen „pate en croute“, einer Wildfleischpastete in Blätterteig aus Fasan, jungem Rebhuhn oder Stopfleber in Cognac.

Eine weitere Besonderheit von Chartres ist den Blicken der Touristen dagegen verborgen: Bis zu 20 Meter tiefe Kellersysteme durchziehen die Stadt, teils miteinander verbunden: riesige Weinkeller, die so manchen Schatz beherbergen. So rühmt sich Georges Jallerat, Besitzer des Restaurants „Le Grand Monarch“, eines der schönsten Keller Frankreichs – mit 40000 Flaschen! „Chartres ist wie ein Schweizer Käse“, weiß Felicite Schuler-Lagier. Der Grund: Mehrfach brannte die Stadt komplett ab – und wurde auf immer höherem Bodenniveau wieder aufgebaut, wobei man die erhaltenen Keller weiter nutzte.

Die Aushöhlung bleibt freilich nicht ohne Folge: Immer wieder sacken Teile des Bodens ab. Vor einigen Jahren stürzte gar auf fünf Meter Breite eine Straße ein. Sage noch einer, es sei nichts los in der Provinz.&nb

 

 


24.05.2012
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