Aktuelle Ausgabe
2012-20

Stephans-Knechten vom Hellweg geht's bei Traditionspflege nicht nur um die Wurst

Sammeln für Kirchen und Kapellen

Am zweiten Weihnachtsfeiertag zogen die Stephans-Knechte durch die Siedlungen. Fotos: Dunker

Möhnesee (ad). Singend zogen sie am zweiten Weihnachtstag wieder durch mehrere Dörfer am Haarstrang und im Möhnetal: die Stephans-Knechte. In Brüllingsen, Völlinghausen und Wamel (alles Ortsteile der Gemeinde Möhnesee) sowie in Oberense (Gemeinde Ense) ist es Tradition, dass die so genannten Heischegänger am 26. Dezember, dem Namenstag des heiligen Stephanus, von Haus zu Haus gehen und um Geld und Naturalgaben für einen guten Zweck bitten. Letztere werden später in geselliger Runde versteigert und somit auch wieder in Geldspenden umgewandelt. 

Außerdem gehört es zum Brauchtum, dass man den zumeist unverheirateten Burschen etwas Hochprozentiges zum „Zungelösen“ und Auftauen bei den niedrigen Temperaturen anbietet. Gespendet werden im Rahmen des Stephansknechte-Brauchtums teilweise auch frische Bratwürste, die beispielsweise in Völlinghausen noch während der laufenden Versteigerung in der Küche der Schützenhalle gebraten und anschließend mit den Tischnachbarn in kleinen Häppchen zum Bier oder anderen Getränken verspeist werden.

Während in Völlinghausen und in Brüllingsen die abendlichen Versteigerungen noch am selben Tag wie das Stephans-Singen stattfinden, sind die Auktionen in Wamel und Oberense turnusmäßig einige Tage später angesetzt. Insgesamt kommen bei den traditionellen Stephanus-Kollekten einige tausend Euro für den Erhalt und die Beleuchtung der dörflichen Kirchen und Kapellen zusammen. Denn diese jährlichen Sammlungen der Heischegänger haben den „Zehnten“ als Abgabe für die katholische Kirche abgelöst – wie es gleich zu Beginn des plattdeutschen Liedes heißt, welches in Völlinghausen von den jungen Männern vorgetragen wird.

Weiter heißt es sinngemäß: „Gebt uns einen blanken Taler, dass wir das Licht bezahlen können. Gebt uns eine Mettwurst, die stillt Hunger und macht Durst. Gebt uns eine Flasche Wein, sie schmeckt so gut zum fetten Schwein.“ Wie der Münsteraner Volkskundler Professor Dr. Dietmar Sauermann in seinem Buch „Von Advent bis Dreikönige: Weihnachten in Westfalen“ schreibt, war das „Wurstesingen“ in der Nachweihnachtszeit in der Gegend von Soest sowie im Hochsauerland (vor allem im Altkreis Arnsberg) und im Olper Land bis um 1900 weit verbreitet. Sauermann wörtlich: „Die jungen Burschen der jeweiligen Orte, oft zu Pferde, zogen von Haus zu Haus und sammelten mit einem Lied Wurst und Geld, manchmal auch Wachs und Flachs.“ Denn neben dem Erhalt der Gotteshäuser dienten die Spenden auch der Beleuchtung: So wurden mittels des Flachses als Dochte große Kerzen geformt.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts fanden die Heischegänge übrigens am 27. Dezember, dem Gedenktag des Evangelisten Johannes statt. Daher hießen die Stephans-Knechte früher auch Johannes-Knechte. Nachdem der Johannestag nicht mehr als öffentlicher Feiertag begangen wurde, verlegte man den Heischebrauch auf den zweiten Weihnachtstag, dem Festtag des heiligen Stephanus.


24.05.2012
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