Schon die Bibel kennt den Frust des Predigers über eine Predigt vor tauben Ohren
Schüttelt den Staub von den Füßen
Bruder Paulus Terwitte, westfälischstämmiger Kapuzinerpater, lebt in einem Konvent in Dieburg bei Frankfurt/Main – und in den Medien. Im Internet, im Fernsehen, in Büchern und auf Vorträgen ist der Ordensmann zu sehen, zu hören und zu lesen. Aber selbst dieser medien- und redegewandte Verkündiger des Evangeliums stößt vielfach auf taube Ohren. Und er leidert darunter, dass nur wenige die Einladung annehmen, die er im Namen Christi ausspricht – wie der König im Gleichnis, der eine Hochzeit ausrichten wollte.
Interview von Roland Juchem
Bruder Paulus, halten Sie die Reaktion des Königs, der statt der Staatsgäste das einfache Volk einlädt, für realistisch?
Überhaupt nicht. Das ist doch die bedingungslose Kapitulation des Königs, der Nachweis, dass sein Königtum nicht funktioniert – das ist die traurige Aussage dieses Evangelium. Jesus verkündet einen Gott, der darunter leidet, dass er nicht beachtet wird. Nicht beachtet vor allem von jenen, die er am meisten beschenkt hat. Deshalb holt er sich, um beachtet zu werden, die Armen in seine Residenz. Dem König ist das Beachtet-werden so wichtig, dass er sich gar nicht erst mit Strafen abgibt. Sein Motto: Lieber feiern als strafen!
Die Einladung zur Hochzeit ist die Verkündigung der Botschaft vom barmherzigen Gott, eine Aufgabe für jeden Christen. Wie gut kommen denn Ihre Einladungskarten an?
Ich erlebe Vorbehalte gegenüber dieser Einladung. Die Leute denken: Das ist ein Kirchenmann – jemand von der Kirche lädt mich in die Kirche ein, in so etwas wie eine Sekte. Fast alle religiösen Vereine werden irgendwie als egal wahrgenommen. Da haben die Leute Angst rekrutiert zu werden. Aber ich spüre auch eine andere Angst. Ähnlich der Angst vieler Paare, die überlegen, ob die heiraten sollen: die Angst sich wirklich zu verlieben, weil danach „alles anders“ ist. Sie fürchten: Dann bin ich nicht mehr ich selbst. Das Zweite Vatikanische Konzil hat gesagt: Die Kirche ist das Werkzeug der innigsten Vereinigung von Gott und Mensch. Und davor haben Menschen Angst, sie fürchten, dann nicht mehr sie selbst zu sein. Anstatt sich beschenken zu lassen, meinen viele: Ich muss selber etwas aus mir machen.
Wie erleben Sie es persönlich, wenn Ihre Einladungen abgelehnt werden?
Ich scheue mich, wie ein evangelikaler Prediger aufzutreten, so total emotional. Dabei ist all das, was ich mache – mit dem Internet und so – Ausdruck meiner Leidenschaft für Gott. Dennoch sehen die Menschen in mir nur einen religiösen Vortänzer, einen geistlichen Clown. Und am Ende lassen sie mich abtreten, sich selbst aber nicht wirklich begeistern. Ich denke dann nur: arme Gesellschaft …
Warum arm?
Weil ich doch den Menschen das bringen möchte, was sie erst wirklich zum Menschen macht, ihnen die vollen Möglichkeiten bietet. Aber Jesus hatte auch nur wenige um sich. Das Christentum ist eben keine Quotenreligion; und ich muss Seelsorge betreiben, nicht Zählsorge.
Der Frust des Königs ist für den Prediger also nachvollziehbar?
Selbstverständlich, völlig verständlich. Jesus zog weiter, schüttelte den Staub von seinen Füßen. Und so frage ich mich: Ist es wirklich nötig, Erstkommunionmütter mit Glaubenswissen zu malträtieren statt nach Menschen zu suchen, die wirklich Sehnsucht haben. Wir befassen uns zu sehr mit Menschen, die wir dabei haben wollen, und nicht mit jenen, die von sich aus echte Sehnsucht haben. Und ich muss mich – uns – selbstkritisch fragen: Erwecken wir wirklich den Eindruck, dass wir ein Fest feiern?
Im Gleichnis kommen die gut Religiösen schlecht weg, die „Kirchenfernen“ jener Tage folgen der Einladung. Ist es heute umgekehrt?
Der Sonntagsgottesdienst ist nicht das Fest des Königs mit jenen, die der Einladung gefolgt sind. Wenn ich im Gottesdienst das Gleichnis höre, frage ich mich: Bin ich es, Herr? Ich selber bin ja auch nicht jemand, der der Einladung sofort gefolgt wäre. So zu denken, wäre pharisäerhaft. Der gefüllte Hochzeitssaal ist nicht die gefüllte Kirche. Das wäre zu platt.
Vor einiger Zeit wurde auf dem Bahnhofsvorplatz in Mannheim ein 33-jähriger Obdachloser Alkoholiker tot aufgefunden. Eine Reporterin befragt anschließend Menschen dort, ob sie das mitbekommen hätten und wie sie reagierten. Da sagte auf einmal etwa ein Würstchenverkäufer, er würde den Mann vermissen und auch andere trauerten um ihn. In diesen Äußerungen ist kurz aufgeblitzt, was Gottesherrschaft – also die Hochzeit – bedeuten kann. Gott lädt uns anders ein, als wir meinen.
Ein sehr gut vorbereitete Christmette kann dennoch über 90 Prozent der Anwesenden nicht erreichen. Andererseits kann jemand, der meint, eine total verkorkste Beerdigungsansprache gehalten zu haben, bei einigen Trauergästen richtig tief etwas angestoßen haben. Ich als Überbringer bin ja nicht dabei, wenn die Einladung geöffnet wird. Aber ich bin sicher: Je absichtsfreier wir die Botschaft verkünden, umso besser kommt sie an. Viele gehen nur deshalb nicht zur Kirche, weil sie „den Laden“ nicht unterstützen wollen. Das Gleichnis funktioniert nur, wenn die Hochzeit etwas rundum Positives und Absichtsfreies ist.
Am Ende des Gleichnisses wird ein Gast ohne Hochzeitsanzug umgehend rausgeworfen. Warum ist der König beim Dresscode plötzlich so pingelig?
Ganz einfach: Der ohne Kleid will nur fressen und saufen, aber nicht feiern. Der Anlass des Festes ist ihm schnurzegal. Das heißt, er wollte nicht in Beziehung mit Gott leben. Mitunter denke ich: Manche katholische Hochzeit sähe heute anders aus, wenn die Brautleute den A... in der Hose hätten zu sagen: Wer nicht mit uns Gottesdienst feiert, feiert auch nicht mit im Hotel, der Gaststätte oder sonstwo. Der König hat ein großes inneres Anliegen, und das sollen seine Gäste teilen.







