Chinesische Ordensfrauen kümmern sich um verstoßene Leprakranke
Schwester Theresa und der aussätzige Herr Zhou
Sie fährt wie der Teufel und arbeitet in der Hölle: Schwester Theresa Ma lässt kein Schlagloch aus, als sie über die Landstraße hinter Hangzhong brettert. Ihr Ziel ist eine Leprakolonie im gebirgigen Hinterland der Provinz Shaanxi.
Von Katharina Ebel (KNA)
Trostlos grau zeigt sich der Himmel, es regnet. Als hätte ein Regisseur das Wetter für seinen Film über diesen Ort so arrangiert.
Jodgeruch liegt in der Luft. Eine seltsam kleine Gestalt humpelt über den aufgeweichten Boden hinüber in das nach Krankheit riechende Zimmer am Ende des Hofes. Leises Summen dringt nach draußen, während Schwestern vor Fußstümpfen knien und ein tiefes Loch im Fleisch nach dem anderen versorgen. Die Melodie, die sie anstimmen, verursacht Gänsehaut. Auf die Leprösen wirkt sie beruhigend.
Zu Zeiten Maos wurden hier bis zu 3900 Kranke von der Außenwelt isoliert. Es gab eine eigene Währung, aber keine Medikamente. „Häufig versorgten die Kranken ihre Wunden gegenseitig, weil selbst die Ärzte Angst hatten, sich anzustecken“, erinnert sich Herr Zhou.
Als seine Infektion diagnostiziert wurde, war er 17 Jahre alt. Allein wurde er in das Dorf der Aussätzigen geschickt. Heute, 57 Jahre später, lebt er immer noch dort. Die Welt draußen hat er nie wieder gesehen.
Seit die Nonnen vor sieben Jahren auf Bitten der kommunistischen Regierung an diesen gottverlassenen Ort kamen, hat sich vieles verändert. Zwar leben die Menschen noch immer ohne fließendes Wasser und sanitäre Anlagen, doch die Wunden der Bewohner werden versorgt. Nicht nur die am Leib, sondern auch jene an der Seele.
Herr Zhou hegt keinen Groll gegen die, die ihn ausgestoßen haben. Auch nicht gegen seine Familie, die sich von ihm lossagte, als sie von der Krankheit erfuhr. „Jeder, der hierher kommt, fürchtet sich, nur die Schwestern nicht“, bewundert der Mann den Mut der Frauen. Wenn früher Ärzte in das Dorf kamen, waren sie vermummt. Das sind die Schwestern nicht.
Theresa Ma hat keine medizinische Ausbildung. Ihr Wissen hat sich die maskulin wirkende Frau mit den kurzen Haaren im Selbststudium beigebracht. Seit sie im Lepra-Dorf lebt, unterweist sie die neuen Schwestern in der Behandlung. Vormittags kümmern sich die sechs Ordensfrauen um die Kranken, immer drei Stunden. Dann ziehen sie sich zurück. Kraft tanken für den nächsten Tag.
Gebet und Glauben helfen ihnen, die schreckliche Realität täglich aufs Neue zu ertragen und ihre Mission der Nächstenliebe durchzuhalten.
„Druck seitens der chinesischen Behörden gab es oft“, erzählt die Oberin. Wegen des kaum geduldeten christlichen Glaubens. Die Schwestern verzichten deshalb auf christliche Symbole und Ordensgewand. Theresa trägt einen grauen Jogginganzug. Auch im Gemeinschaftsraum findet sich nur ein Bild der Ordensgründerin, aber kein Kreuz. Die medizinische Arbeit hat die Kommunistische Partei dagegen stets unterstützt. Davon zeugen Urkunden an der Wand im Gemeinschaftsraum des Ordenshauses – für besonders gute Verdienste in der Krankenpflege, ausgestellt von der Regierung.
Der Träger des Projekts, der Casa Ricci Social Service, ist als Sozialdienst der Jesuiten von der Regierung offiziell anerkannt. „Trotzdem gibt keine Garantie, dass die Projekte nicht morgen gestoppt werden“, berichtet Leiter Fernando Azpiroz. Wer als Christ im Reich der Mitte arbeitet, hat täglich Balanceakte zu bewältigen.
Die 23-jährige Feng Li sitzt auf ihrem Bett im Konvent der Schwestern, ein etwas kitschiges Jesus-Bildchen auf den Knien. Sie ist eine hübsche, zierliche Frau, fast noch ein Mädchen. Auf ihrem Schreibtisch ein aufgeklappter Laptop, daneben ein leise piepsendes Handy, alles wie bei einer ganz normalen Studentin. Doch die junge Katholikin ist anders als ihre Kommilitonen an der Uni. Tief bewegt von dem Leid der Leprakranken und der Arbeit der Schwestern hat sie beschlossen, als Freiwillige mit den Nonnen zu leben und den Kranken zu dienen. Ihre Eltern sind alles andere als begeistert.
Als Feng Li das erste Mal in die entstellten Gesichter und die offenen Wunden an den Stümpfen in der Krankenstation blickte, packte sie das Entsetzen. Auch sie hatte Berührungsängste, fürchtete sich vor einer Ansteckung. Sie hat gelernt, damit umzugehen: „Ich vertraue auf die Schutzkleidung, auf Schwester Ma und natürlich auf Gott.“
Ma hat sie gelehrt, dass Wissen wichtig, aber das Herz das Wichtigste ist. „Euch tut der Anblick weh. Mir der Fuß aber nicht“, bemerkt Zhang Cheng, dem Feng Li gerade ein tiefes Loch am Fuß ausschält. Die Lepra sorgt dafür, dass er kein Gefühl mehr in seinem Fußstumpf hat. Häufig verletzt er sich deshalb, was zu eiternden Wunden führt.
Lepra ist eine Infektionskrankheit, die Haut, Schleimhäute und Nerven befällt. Obwohl sie heute durch Antibiotika heilbar ist, gibt es für die Leute in der Leprakolonie kein Zurück. Ihre Gesichter sind entstellt, die Finger verkrüppelt, die Füße amputiert. Auch geheilt bleiben diese Menschen Verstoßene einer aufstrebenden Gesellschaft, die ungern hinter ihre glitzernden Fassaden blickt. „An manchen Orten hat die Lepra in China noch epidemische Ausmaße, vergleichbar mit der Situation in Indien“, berichtet Fernando Azpiroz.
Aus der gekachelten Allzweckhalle dringt Kirchenmusik. Die Leprösengemeinde hat sich wie jeden Samstagnachmittag zum Gottesdienst versammelt. Der Gesang der Schwestern vermischt sich mit dem Husten der Gläubigen und dem Scharren ihrer Krücken. Pfarrer Stephen geht durch die Reihen und drückt die verstümmelten Gliedmaßen zum Friedensgruß. Er berührt sie, wie man Menschen berührt. Danach verteilt er die Mundkommunion.
Auch Gottesdienste waren im offiziellen China früher nicht gern gesehen. Dabei steht die Religionsfreiheit in der Verfassung. Gegen kultische Handlungen gehen die Behörden heute nicht mehr so restriktiv vor wie noch vor wenigen Jahren. Hier hat sich etwas geändert.
Bald nach der Feier folgen vor der Allzweckhalle vier Männer in Gummistiefeln und Plastikcapes einem Ochsenkarren über die Straße. Sie tragen Spaten bei sich, um den grob zusammengezimmerten Holzsarg mit einem
alten Mann darin irgendwo außerhalb des Dorfes zu begraben. Für die Menschen hier ein alltägliches Ritual.
Zusammengekauert wippt derweil die greise Witwe auf dem Boden ihrer Hütte vor und zurück. Zwei Tage hat sie neben der auf Kleiderstapeln aufgebahrten Leiche ihres Mannes ausgeharrt. „Fürchte Dich nicht, Gott wird Dich erlösen“, flüstert Schwester Ma der Alten zu. Wo sonst sollte dieser Satz trösten, wenn nicht hier.







