Eremitin über Hunger und Durst der Menschen
Sehnsucht nach Gott ist das Größte
Wer zu mir kommt, wird nie mehr Hunger haben, heißt es im Evangelium von diesem Sonntag. Kann ein Mensch also bei Jesus wirklich satt werden? Jemand, der das wissen muss, ist die Eremitin Maria Anna Leenen aus dem Bistum Osnabrück. Sie hat sich oft Gedanken gemacht, wie es ist, an Gott satt zu werden. Welcher Gewinn darin steckt, welche Gefahren aber auch auf dem Weg dorthin lauern.
von Andreas Kaiser
Sie leben als kirchlich anerkannte Eremitin nun schon seit 16 Jahren allein auf dem flachen Land. Ihr ganzes Leben haben Sie Gott übergeben. Macht Sie der Glauben satt?
Nein. Würde mich der Glauben satt machen, würde ich etwas falsch machen, dann hätte ich etwas grundlegend falsch verstanden. Satt und träge machen würden mich vielleicht Stillstand, Unbeweglichkeit, vor allem aber Egoismus. Der Glaube ist für mich ja kein persönliches Geplänkel. Der Glaube ist für mich als Eremitin vor allem eine Aufgabe. Ich bete ja nicht nur für mich, sondern für alle Menschen. Ich möchte so etwas wie ein Kanal sein, für die Menschen, die nicht mehr beten können, die nicht mehr beten wollen.
Was ist für Sie das Brot des Lebens?
Jesus Christus. Er erhellt. Er ist mein Leben. In Beziehung mit ihm zu sein, ist das Innerste. Jesus Christus ist in jedem Menschen gegenwärtig. Die Taufe ist ja kein statisches Element, sondern etwas Dynamisches. Die Beziehung zu Gott, zu Christus entwickelt sich nur dann weiter, wenn ich mich ihm öffne und dem Heiligen Geist Raum gebe!
Kann man sich auch, salopp formuliert, an Gott vollfressen?
Nein (lacht). Ich denke, der Hunger, der Durst, von dem in dem heutigen Evangelium die Rede ist, bezieht sich vor allem auf das Verlangen nach weltlichen Dingen! Wenn ich geistlich lebe, in Beziehung mit Christus bin, dann sind für mich die materiellen Dinge nicht mehr so wichtig. Dann habe ich keinen Hunger mehr nach irdischem Besitz: Dickes Auto, tolle Reisen, schicke Mode, wechselnde Sexualpartner, und auch kein Verlangen mehr nach Reichtum und Macht. Die Sehnsucht nach Gott jedoch hört niemals auf. Bernhard von Clairvaux, der große Zisterzienser, hat einmal gesagt, auch wer Gott gefunden hat, wird niemals aufhören, ihn zu suchen. Die Freude darüber, Gott gefunden zu haben, löscht die Sehnsucht nach ihm nicht aus, sondern entfacht sie nur umso mehr. Gott ist das allerhöchste Gut. Es gibt nichts wonach der Mensch mehr verlangt als nach Gott.
Ein Benediktiner, der ebenfalls als Eremit lebt, hat mir einmal gesagt, am gefährlichsten sei der Hochmut. Dass man sich etwas auf seine Spiritualität einbildet und denkt, man sei geistlich weiter, besser als die anderen …
Ja, diese Gefahr gibt es. Wenn ich von mir glaube, dass ich mehr verstanden habe, dann habe ich die Spur schon längst verlassen. Gefährlich ist dies vor allem darum, weil ich dann nicht mehr spüre, wie sehr ich Jesus brauche. Das Wichtigste ist doch, dass ich spüre, ich bin Gott bedürftig. Ich bin erlösungsbedürftig. Das kennzeichnet uns Menschen. Engel haben das nicht. Und die Heiligen im Himmel sind schon angekommen. Doch ich als Mensch brauche Gott unbedingt, um wirklich leben zu können!
Wenn man sich so umschaut, könnte man aber schon zuweilen den Eindruck bekommen, dass einige geistliche oder religiöse Führer sich selbst sehr wichtig nehmen.
Ich kann darüber nicht urteilen. Ich kann in das Herz eines Menschen nicht hineinschauen. Ich sehe aber schon, dass wir heute in einer totalen Informationsgesellschaft leben, in der nur zählt, wer sich permanent in den Medien und in der Öffentlichkeit produziert. Kirche muss aber, gerade auch in dieser Gesellschaft, die Botschaft verkünden. In meinen Augen ist es unfair, denjenigen, die das Evangelium besonders gut vermitteln können, daraus einen Vorwurf zu machen, dass sie ihre besonderen Gaben auch nutzen, um die Botschaft weiterzutragen. Wie gesagt, ich kann in das Herz eines Menschen nicht hineinschauen. Und es kann sein, dass der Mensch, den ich für hochmütig halte, im Innersten sehr rein ist.
Wenn Gott allein reicht, um unseren Durst zu stillen, was ist dann die Wurzel unserer menschlichen Unzufriedenheit?
Wir Menschen sind gebrochen. Wir sind nicht heil. Unsere Fähigkeit zum Guten, zum Vollkommenen, zum Heilen ist kaputt. Der Kern unserer Unzufriedenheit liegt vielleicht darin, dass ich meinen Wünschen und Begierden, all den ungeordneten Leidenschaften, die jeder Mensch nun einmal hat, gestatte, Macht über mich zu bekommen. Wenn ich nicht begreife, dass die Ursache, die Wurzel aller Sehnsüchte die Sehnsucht nach Gott ist, kann es passieren, dass ich versuche, dieses Verlangen mit anderen Dingen zu stillen. Etwa mit Konsum, mit Macht, mit Sex. Unzufriedenheit ist ein wichtiges geistliches Zeichen. Ein Signal, mit dem ich mich in der Tiefe auseinandersetzen muss. Im Gebet vor Gott. Wichtig ist es, diese Unzufriedenheit nicht sofort mit einem irdischen Gut zu stopfen. Jesus wollte den Menschen mit der Brotspeisung ein eucharistisches Zeichen geben. Als er jedoch sah, dass sie ihm vor allem hinterliefen, weil er sie leiblich satt gemacht hatte, wurde er deutlicher. Und sagte ihnen: Müht euch nicht ab für das Irdische, das verdirbt. Ich denke, genau das ist auch heute noch unsere Gebrochenheit. Das wir Menschen fast nie versuchen, uns von Christus zu der Wurzel unserer Sehnsucht führen zu lassen, sondern stattdessen oft versuchen, uns mit oberflächlichen Dingen zu befriedigen und neuen Kicks hinterherrennen.







