Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Sensibel für den Umgang mit Macht

Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer, Domvikar, Persönlicher Referent des Erzbischofs von Paderborn.

Mit der Frage nach dem rechten Gebrauch der Macht in der Kirche setzt sich Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer im folgenden Beitrag kritisch und aktuell auseinander. 

von Michael Menke-Peitzmeyer 

Nur einmal im Leben habe ich ein Erdbeben miterlebt – und zwar Ende der achtziger Jahre während des Studiums in Rom. Es war ein vergleichsweise kleines Beben. In der Nacht wurde ich plötzlich wach, weil der Fußboden vibrierte und einige Bücher im Regal in Bewegung gerieten. Aber dieses kleine Erdbeben hat gereicht, den Schrecken zu begreifen, der Menschen packt, wenn der Erdboden wankt. In größter Selbstverständlichkeit gehen wir sonst davon aus, dass die Erde unter unseren Füßen sicher ist. Wenn diese Sicherheit wegfällt, gerät alles ins Wanken.

Für mich ist diese „Aus-nahme“-Erfahrung ein gutes Bild für eine andere Sicherheit, mit der wir leben und die nicht weniger fundamental ist: die Sicherheit, dass Gesetze gelten. Die Gewissheit, dass man sich auf das geschriebene Gesetz verlassen kann, ist uns hierzulande seit über sechzig Jahren geläufig. Und jeder von uns hat unter demokratischen Verhältnissen eine gewisse Al-lergie gegenüber willkürlichem Handeln anderer entwickelt, vor allem, wenn es von der „Obrigkeit“ kommt. Mit Entsetzen nehmen wir jedoch immer wieder wahr, dass es Länder gibt, in denen Machtkon-trolle ein Fremdwort ist. Wenn der Boden des Rechts zum schlingernden Sumpf wird, wenn die Erde bebt und wankt, dann wird das Leben von Angst überwältigt.

Wer das Evangelium am Fest unseres Diözesanpatrons Liborius liest, der spürt, dass hier jemand spricht, der die Verhältnisse nur allzu gut kennt: „Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.“ (V. 25) Der Satz ist genau genommen schockierend, weil er wie ein Naturgesetz klingt: Die gesellschaftlichen und politischen Strukturen sind demnach so konstruiert, dass diejenigen, die herrschen, die Tendenz zu absoluter Herrschaft haben. Sie lassen sich sogar dazu hinreißen, ihr Machtgebaren als Mildtätigkeit für die Menschen darzustellen – eine geradezu perverse Verzerrung des Machtgebrauchs!

Das heutige Evangelium macht unmissverständlich deutlich, dass die Frage der Machtausübung für jeden Christen und für die Kirche als ganze zentral ist. Vor allem das Wort Jesu: „Bei euch aber soll es nicht so sein“ hat es in sich. Es betrifft nicht nur die Jünger Jesu, sondern richtet sich mahnend an die Christen aller Zeiten. 

In den vergangenen Wochen wurde angesichts des Missbrauchsskandals in unserer Kirche vonseiten einiger Pastoralpsychologen darauf hingewiesen, dass im Umfeld des sexuellen Missbrauchs auch ein kritischer Blick auf die Machtstrukturen in unserer Kirche notwendig sei: Macht und Sexualität hätten mehr miteinander zu tun, als man gemeinhin denkt. Denn die gottgewollte Kraft der Sexualität könne im schlimmsten Fall dazu entarten, als Ventil für Machtgelüste über andere Menschen – und dann leider oft über die Schwächsten – benutzt zu werden. Und: „Macht in der Kirche“ sei ein ambivalentes Phänomen. Zum einen habe Macht – so die Psychologen – aufgrund ihrer hierarchischen Struktur eine hohe Sichtbarkeit in der Kirche und eine nach außen hin große Wirksamkeit. Zum anderen gebe es wenig funktionierende Machtkontrolle und eine oft nur unzureichende Vorbereitung auf die Ausübung von Macht.

Dabei muss nüchtern bedacht werden, dass es machtfreie Räume unter uns Menschen – auch in der Kirche – nicht gibt. Auch unter Christen verwirklicht sich das Alternativprogramm Jesu: „Bei euch aber soll es nicht so sein“ nicht einfach durch Appelle und gute Vorsätze. Der rechte Umgang mit Macht – und damit die Vermeidung von Machtmissbrauch – muss sorgfältig bedacht werden und will gelernt werden. Ansonsten ist Gefahr im Verzug! Und der Boden unter den Füßen kann schnell ins Wanken geraten … 

Deshalb ist es im Sinne des Evangeliums unverzichtbar, dass wir lernen, wie ein positiver Machtgebrauch im kirchlichen Leben überhaupt aussieht. Das Beispiel Jesu bietet dazu Orientierung: „Ich aber bin unter euch wie einer, der dient!“ Wer dieser Spur folgt und sich in Dienst nehmen lässt, wird sensibler für Machtmissbrauch und sich bemühen, mit ‚Vollmacht‘, also mit einer anderen, konstruktiven Form von Autorität für die Menschen da zu sein. Mit ihnen wird er sich auf den Weg des Heils begeben!


24.05.2012
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