Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Sorgt euch nicht um euer Leben!

Die erste Sorge des Christen braucht nicht sich selber zu gelten, sondern dem Reich Gottes. Dann wird ihn Gott schon nicht fallen lassen, so versichert Annegret Meyer, für das Erzbistum Paderborn in der Begleitung künftiger Religionslehrer tätig.


Sorgt euch nicht um euer Leben!“ Wie klingt das in unseren Ohren? Wir sollen doch Altersvorsorge betreiben, uns rundum versichern gegen Schadensfälle aller Art – schließlich liest man jeden Tag in der Zeitung, was passiert, wenn Menschen in Not geraten. „Sorgt euch nicht um euer Leben!“ Wie klingt das in den Ohren von Hauptschülern, die in der Abschlussklasse darauf vorbereitet werden, wie man Hartz-IV-Anträge ausfüllt? „Sorgt euch nicht um euer Leben!“ Wie klingt das in den Ohren einer alleinerziehenden Mutter, die neben schlecht bezahlten Teilzeitjobs noch ihre Kinder versorgen muss? „Sorgt euch nicht um euer Leben!“ Wie klingt das in den Ohren von Angestellten in großen Firmen, wo jeden Monat neu Gerüchte die Runde machen, der Standort Deutschland würde geschlossen und die Fertigung nach Asien verlegt?
Diese Beispiele ließen sichnoch erweitern. Für viele Menschen klingen einige Sätze des Evangeliums aus der Bergpredigt zumindest fragwürdig, wenn nicht gar zynisch. Auf die Zuhörer und Zuhörerinnen seiner Zeit hat die Predigt Jesu, wie Matthäus sie in seinem Evangelium überliefert, eine doppelte Wirkung: Die Reichen, Satten und gut Etablierten fühlen sich provoziert. Aber diejenigen, die am Rand stehen, sind fasziniert von dem Wanderprediger aus Nazareth. Er verkörpert ja mit seiner eigenen Person diese unerhörte Botschaft: Er hat keinen materiellen Besitz, keinen festen Wohnsitz – und strahlt trotzdem eine Lebens-Gelassenheit aus, die anziehend wirkt.
Wenn Jesus zum Abstand von der Sorge aufruft, dann ist der Satz „gedeckt“ und nicht überheblich. Er holt ihn aus der Tradition Israels seinem eigenen Verhältnis zu Gott. Von diesem Gottvertrauen zeugt die Bergpredigt Jesu als eine Zusage der Hoffnung. In dieser Zusage wurzelt seit 2000 Jahren die „Frohe Botschaft“ vom Reich Gottes!
Heutige Hörerinnen und Hörer könnten trotzdem weiter fragen, und zwar je nach Lebenssituation aus zwei entgegen gesetzten Richtungen heraus: Und was ist, wenn mein Leben akut bedroht ist (siehe oben)? Und was ist, wenn ich nicht arm bin?
Immer wieder wurden zwar – nicht zuletzt durch Texte wie die Bergpredigt – Einzelne angeregt, ihr ganzes Leben radikal der Armut zu weihen (so Franz von Assisi oder Mutter Theresa). Die Mehrheit aber – ja, was war mit der? Auch wir sollen die Bergpredigt einüben, Stück für Stück. Das kann heißen, sich immer neu klarzumachen, worum es zuerst (Mt 6,33) oder eigentlich geht: „um das Reich und seine Gerechtigkeit“. Und eben nicht um mich und mein zwanghaftes Missverständnis, für meine Existenz im Ganzen selbst sorgen zu müssen. Das kann ich gar nicht! Anfang und Ende meines Lebens liegen nicht in meiner Hand. Allein dieser Gedanke kann entkrampfend wirken. Ich kann buchstäblich locker lassen und umsichtig werden. Dann bekomme ich plötzlich ganz neue Perspektiven auf die Welt, auf die anderen um mich herum.
Und das kann dann für die verzweifelt um ihr Dasein Ringenden bedeuten, dass auch sie auf einmal in meinem Sichtfeld auftauchen. Der Satz „Sorgt euch nicht um euer Leben“ ist erst dann zynisch, wenn gleichzeitig den Menschen in Not die alleinige Verantwortung oder die Schuld für ihre Situation zugeschoben wird – oder wenn er als Entschuldigung benutzt wird, alles beim Alten zu lassen.
Gott als Mutter, Gott als Vater – das ist erfahrbar in der persönlichen Gottesbeziehung, im Gebet, in der Begegnung mit Bibeltexten und im Gottesdienst. Aber auch, manchmal viel deutlicher, ist er erfahrbar in der Art und Weise, wie wir als seine „Kinder“ miteinander umgehen und füreinander da sind! Christliche Predigt wird auch politisch lebendig, wenn wir unsere gesellschaftlichen Baustellen kreativ angehen: durch Netzwerke für Alleinerziehende, neue Wohnprojekte für mehrere Generationen, wo ungebundene Senioren und Seniorinnen für überanstrengte Ein-Eltern-Familien „Leihgroßeltern“ werden, durch Patenschaften für Schulabgänger, durch Praktikumsangebote von Firmen auch für „Schwer-Vermittelbare“ und vieles mehr.
Kirchliche Verbände wie Caritas und Diakonie, Pfadfinder, Kolping, aber auch zahlreiche Einzelaktivitäten in Gemeinden zeigen, was geht. Sie erweitern die Grenzen des Machbaren. Und oft – so die Erfahrungen – ist ein solches Engagement für Gottes Gerechtigkeit so fruchtbar, dass bei den Aktiven tatsächlich der Eindruck entsteht, „alles andere“ bekämen sie gratis dazugeschenkt. „Sorgt euch nicht um euer Leben“ – für die Mehrheit der Christen gehört dazu: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Dr. Annegret Meyer,
Geistl. Begleiterin
für Lehramtstudierende,
Domplatz 3, 33098 Paderborn


24.05.2012
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