Die Schlacht bei Tannenberg leitete auch das Ende der Marienburg ein
Steinernes Symbol einer untergegangenen Macht
Ihr Anblick hat einst tapfere Ritter eingeschüchtert. Und auch heute verschlägt er vielen Besuchern den Atem: Die Marienburg (Malbork) unweit der Weichsel-Mündung in die Ostsee ist der größte Backsteinbau Europas. Die Festung war ein religiöses Zentrum und galt einst als uneinnehmbar. Untrennbar ist die Burg des Deutschen Ordens auch mit der Schlacht bei Tannenberg vor 600 Jahren, am 15. Juli 1410, verbunden.
Text und Fotos:
Markus Nowak (KNA)
Im Mittelalter war die Marienburg Sitz des Deutschen Ordens und eine der größten Klosteranlagen auf dem Kontinent. Heute spiegelt sie als Unesco-Weltkulturerbe wie kein anderer Ort die wechselvolle deutsch-polnische Geschichte wider. Hier liegen die Wurzeln der Konflikte zwischen beiden Nationen.
1226 rief Herzog Konrad von Masowien den Deutschen Orden in die Region, das spätere Preußen. Vergeblich hatte der polnische Fürst zuvor schon selbst versucht, sein eigenes Herrschaftsgebiet zu vergrößern und das heidnische Volk der Pruzzen im Norden und Osten zu bekämpfen. Denn die Pruzzen verwüsteten über Jahre die Grenzregion. Der Ritterorden sollte den polnischen Herzog bei der „Missionierung“ der Pruzzen unterstützen – und wurde selbst zum Feind der Polen.
Der Deutsche Orden war – nach den Johannitern und den Templern – als dritter großer Ritterorden aus der Kreuzzugsbewegung ins Heilige Land hervorgegangen. Im 13. Jahrhundert suchte er nun ein neues Betätigungsfeld. Das Angebot von der Weichsel kam dem damaligen Hochmeister Hermann von Salza recht, zumal den Ordensbrüdern als Belohnung das Kulmer Land versprochen wurde.
Die deutschen Ritter bekriegten die Pruzzen im Namen der „Missionierung“. Zugleich begannen sie mit dem Aufbau eines Ordensstaates, der sich schnell zu einem der bestorganisierten Staatswesen im mittelalterlichen Europa entwickelte. Aus dem ursprünglich religiösen Orden wurde eine politische Macht im Ostseeraum, die in Konkurrenz zum aufstrebenden polnischen Königtum geriet.
Symbol dieser Macht ist die imposante Marienburg. Mit ihrem Bau wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begonnen. Ab 1309 wählte sie der Deutsche Orden zum Sitz ihres Hochmeisters. Insgesamt umfassen die Anlagen 20 Hektar, eine Fläche von rund 15 Fußballfeldern also. Beeindruckend ragen die Dutzend Türme und Türmchen aus roten Lehmziegeln in die Höhe. Die Burg erstreckt sich über mehrere hundert Meter entlang der Nogat, einem Zufluss zur Weichsel.
Die Architektur gliedert sich in mehrere Teile, darunter das Konventschloss, das Mittelschloss mit dem Hochmeisterpalast sowie die Vorburg am Flussufer. Die einzelnen Festungsteile wurden mit Ringmauern umgeben – jeder Teil sollte sich selbst verteidigen können. Das war auch nötig – vor allem nach der verlorenen Schlacht bei Tannenberg 1410, einer der größten Feldschlachten zwischen Ritterheeren im Mittelalter. Das polnisch-litauische Heer schlug unter König Wladislaw II. Jagielo das Ordensheer; Hochmeister Ulrich von Jungingen verlor sein Leben. Die verbliebenen Reste des Heeres flohen in die Marienburg, die über Wochen belagert, aber nicht eingenommen wurde. Die Schlacht vor 600 Jahren wurde zum Nationalmythos Polens und Litauens stilisiert. Die Fülle an Gemälden und Gedichten zur „Bitwa pod Grunwaldem“ (Schlacht bei Grunwald), wie sie im Polnischen heißt, ist kaum überschaubar. Kaum eine Stadt zwischen Oder und Bug, die nicht einen Grunwald-Platz ihr eigen nennt.
Aber auch im deutschen Nationalbewusstsein hatte die verlustreiche Schlacht ihren festen Platz: Sie war so stark im Bewusstsein verankert, dass eine letztlich siegreiche Schlacht des Ersten Weltkriegs 1914 kurzerhand in „Schlacht bei Tannenberg“ umbenannt wurde.
Die 600-Jahr-Feier soll nun abseits der bisherigen Mythologisierung stattfinden. Nicht Sieg oder Niederlage stehen im Vordergrund, so das Konzept des Museums auf der Burg Malbork. Vielmehr sollen verbindende Aspekte, etwa die kulturellen Leistungen der damaligen Zeit und des in Polen oft zum Feindbild stilisierten Ritterordens, herausgestellt werden.
Der Deutsche Orden konnte die Marienburg zwar nach der Schlacht und Belagerung von 1410 halten, doch sein Machtgefüge geriet nach und nach aus den Fugen. Wegen ausstehender Soldzahlungen wurde die Burg 1455 an die eigenen Söldner verpfändet – die sie 1457 ausgerechnet an die polnische Krone verkauften. Der Hochmeister zog mit dem Orden nach Königsberg um und schloss sich 1523 der Reformation an. Der Ordensstaat wurde zum weltlichen Herzogtum Preußen unter polnischem Lehen umgewandelt.
Die Burg verfiel im Laufe der Jahre: Es kamen Pläne auf, sie zu demontieren und die Steine anderweitig zu nutzen.
Erst die Zeit der Romantik im 19. Jahrhundert holte das Schloss aus dem Dornröschenschlaf; es begannen Sanierungsarbeiten. Nach schweren Schäden im Zweiten Weltkrieg übernahmen polnische Restauratoren die Instandsetzung der Burg aus Backstein.
Heute sind die meisten Teile der Anlage für Besucher zugänglich. Rund eine halbe Million Menschen kommen jährlich zur Marienburg und dem angeschlossenen Museum. An manchen Tagen herrscht deshalb drangvolle Enge.
Es soll schon vorgekommen sein, dass sich Besucher auch in der Neuzeit in den langen, alten Gängen verirrten. Ein Effekt, den die Erbauer im 13. Jahrhundert durchaus kalkuliert hatten: Denn die Labyrinth-Wirkung gehört zur Verteidigungsstrategie des alten Gemäuers, das auch heute noch Menschen in seinen Bann zieht.







