Aktuelle Ausgabe
2012-20

Diskussion im Kolpinghaus Bigge über die Bedeutung christlicher Werte in der europäischen Politik

Streit um ein christliches Europa

Wollen mehr christliche Werte in der europäischen Gesetzgebung (v. l.): Rocco Buttiglione, Vizepräsident des italienischen Parlaments, Dr. Peter Liese, Europaabgeordneter, Hartmut Steeb, Generalsekretär der Evangelischen Allianz, und Franz Josef Japes, stellvertretender Kolping-Diözesanvorsitzender.Foto: Jonas

Olsberg-Bigge. Er sorgte für einen europaweiten Eklat, weil er zu katholisch war: Rocco Buttiglione sollte 2004 EU-Kommissar für Justiz, Freiheit und Sicherheit werden. Seine fachliche Kompetenz wurde nicht infrage gestellt, sehr wohl aber die dezidiert katholischen Positionen des Juristen und Philosophen, der Papst Johannes Paul II. zu seinen Freunden zählte. Inzwischen ist Buttiglione Vizepräsident des italienischen Parlaments. Im Kolpinghaus in Bigge diskutierte er auf Einladung der Kolpingsfamilien des Pastoralverbundes Bigge und des Europaabgeordneten für Südwestfalen, Dr. Peter Liese, über „christliche Werte in Europa“.

von Markus Jonas

„Europa ist nicht christlich, aber auch nicht nichtchristlich“, machte Buttiglione in Bigge klar. Um die Durchsetzung christlicher Werte in der europäischen Gesetzgebung müssten die Christen ringen. „Christliche Werte sollen kämpferisch vertreten werden, aber im Geist der Liebe“, sagte der Italiener, der neben Deutsch drei weitere Fremdsprachen fließend spricht. 1993 war er in die päpstliche Sozialakademie berufen worden und seitdem persönlicher Berater Papst Johannes Pauls II. Sein Einsatz für die traditionelle Ehe und gegen die Anerkennung von homosexuellen Ehen hatte ihn 2004 das Amt eines EU-Kommissars gekostet. Ein EU-Ausschuss hatte ihn mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt. Buttiglione gab seine Kandidatur daraufhin auf. Auch in Olsberg wiederholte Buttiglione seine Unterstützung für die Ehe, die „einzigartigen Bande zwischen Mann und Frau“, die im Gegensatz zu homosexuellen Verbindungen „eine soziale Funktion“ habe, nämlich die Zeugung und Erziehung von Kindern, und deshalb allein förderungswürdig sei.
Dr. Peter Liese, der als Vorsitzender in der Arbeitsgruppe Bioethik der Fraktion der Europäischen Volkspartei eng mit Buttiglione zusammengearbeitet hat, rief alle Christen auf, an der Europawahl am 7. Juni teilzunehmen. Zwar seien viele Sauerländer enttäuscht von Europa, auch deshalb, weil eine klare katholische Position zur Ablehnung eines Politikers wie Buttiglione geführt habe. Doch sei dies mit äußerst knapper Mehrheit geschehen. Im Europaparlament tobe ein Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern christlicher Werte. „Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man“, sagte Liese, der nach eigenem Bekunden durch seine Mitarbeit bei Kolping Geschmack an Politik bekommen hat. Liese verwies auf eine kürzlich verabschiedete Resolution des Europäischen Parlaments, die die Repressionen gegen Christen im EU-Beitrittskandidaten Türkei scharf verurteilt. In der Bio­ethik sei es zudem gelungen, eine EU-Förderung des Klonens von Menschen zu verhindern und die Priorität auf die Forschung mit den ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen zu legen.
Auf einen Misserfolg verwies dagegen der ebenfalls zur Diskussion eingeladene Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Kommisariats der deutschen Bischöfe. Weil er nicht selbst teilnehmen konnte, schickte er einen schriftlichen Diskussionsbeitrag, in dem er auf einen Beschluss des Europäischen Parlaments verwies, der vor einigen Wochen gegen viel Widerstand verabschiedet wurde. Darin empfiehlt es, seltene Krankheiten „durch die Auswahl gesunder Embryonen vor der Implantation“ zu verhindern. Das sei ein klarer Verstoß gegen die Würde des Menschen, kritisiert Prälat Jüsten und lobt ausdrücklich das Bemü­hen Peter Lieses, durch einen Auftritt im Parlament, dies zu verhindern. Dieses Beispiel zeige „die akute und existenzielle Notwendigkeit, christliche Werte aktiv und engagiert in die europäische Politik einzubringen“, so Jüsten. Ein Engagement, das Jüsten Dr. Peter Liese bescheinigte. Er sei in der vergangenen Legislaturperiode „verlässlich für die christlichen Ideale eingestanden“.
Unterstützung für diese werteorientierte Politik äußerte auch der parteipolitisch nicht gebundene Hartmut Steeb, Generalsekretär der Evangelischen Allianz, eines Zusammenschlusses von evangelischen Christen aus Landes- und Freikirchen. Steeb, der als Protestant in Bigge seinen „ersten Auftritt in einem Kolpinghaus“ hatte, wie er schmunzelnd erzählte, machte den Christen aller Konfessionen Mut, mit Überzeugung von diesen christlichen Werten zu sprechen.


24.05.2012
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