Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie ein polnischer Bauarbeiter um sein Recht kämpft

Ein Betrug

Am 1. Mai hat Deutschland seinen Arbeitsmarkt für acht osteuropäische Staaten geöffnet. Die EU-Kommission rechnet mit einem Zuzug von rund 100000 ausländischen Arbeitskräften jährlich – darunter viele, die im Baugewerbe arbeiten wollen. Etwa die Hälfte davon kommt laut Experten aus Polen. Während sich die deutschen Arbeitnehmer vor Lohndumping fürchten, lauern die Gefahren manchmal an ganz anderer Stelle, wie die Geschichte eines betrogenen polnischen Bauarbeiters zeigt.

Text und Fotos:  Paul Sklorz (KNA

Tadeusz Lokaj erfüllt so manches Klischee: Der 40-Jährige trägt einen Schnauzer, ist fleißig und geht jeden Sonntag in die Kirche. Ein Handwerker, der sich in Deutschland selbstständig gemacht hat und – entgegen mancher Vorurteile – keine krummen Dinger dreht. Im Gegenteil: Lokaj wurde um über 30000 Euro betrogen – von einem deutschen Unternehmen. Seine Geschichte zeigt die harten Spielregeln der Baubranche. Wer bestehen will, muss nicht nur guter Handwerker, sondern auch gewiefter Geschäftsmann sein.

Lokaj ist fünf Jahre alt, als er 1975 das erste Mal nach Deutschland kommt. Hier gibt es das, wovon viele im kommunistischen Heimatland nur träumen können: Schokolade, Orangen, Bier in Dosen. „Die Polen, die hierher kamen, konnten sich gar nicht satt sehen“, sagt Lokaj. Seitdem kehrt er immer wieder nach Deutschland zurück, mal als Besucher, später als Arbeiter in der Landwirtschaft sowie auf dem Bau. 2008 macht sich der gelernte Holztechniker im Trockenbau selbstständig. Gemeinsam mit acht Kollegen lebt Lokaj im Ruhrgebiet. Sie teilen sich die Küche und sämtliche Kosten. Einige seiner Mitbewohner kennt der Handwerker schon seit über zehn Jahren. Es sind seine „alten Freunde“. Seine Familie sieht er nur alle paar Wochen. In seiner Heimat hat er ein Haus gebaut. „Ich arbeite in Deutschland, um irgendwann in Polen ein besseres Leben führen zu können.“

Bei allem, was er tut, ist Sicherheit stets oberstes Gebot. Je nach Job trägt er durchschlagsfeste Schuhe, eine Schutzbrille, Gehörschutz und einen Helm. Schutzgesetze gebe es zwar auch in Polen, sagt Lokaj, nur würden die nicht so strikt umgesetzt. „Deutsche sind, was das angeht, solide. Hier kümmert man sich noch um deine Gesundheit.“ 

Der Pole nimmt keine Aufträge ohne Versicherungsschutz an. So kann er guten Gewissens arbeiten. Auch in Bezug auf seine Auftraggeber will sich Lokaj absichern. So schöpft er anfangs noch keinen Verdacht, als er vor zwei Jahren mit ein paar Kollegen als Subunternehmer für ein Klinkerbau-Unternehmen aus Herne zu arbeiten beginnt. Ziegel schneiden, nachfugen, Material transportieren, aufräumen – ganz normale Handwerkertätigkeiten. Die Männer um Lokaj arbeiten auf diversen Baustellen. Ihr Auftraggeber verspricht, bald auch den Werkvertrag fertigzumachen. In der Zwischenzeit schreiben er und seine Kollegen Rechnungen. Für die erste erhalten sie statt der vereinbarten Summe von 2000 nur 1500 Euro. Nach mehreren nur teilweise oder gar nicht beglichenen Rechnungen kommt Lokaj auf einen Fehlbetrag von rund 8000 Euro. Auch seine Kollegen, mit denen er gemeinsam Gesellschaften betreibt, vermelden ausstehende Zahlungen. Am Ende fehlen den Männern insgesamt etwa 32000 Euro. 

Als Lokaj im August 2009 endlich ein Vertrag vorgelegt wird, erlebt er eine böse Überraschung: Die Angaben über den Geschäftsführer und den Bauleiter sind falsch. Der Handwerker weigert sich, das fingierte Dokument zu unterschreiben. Stattdessen geht er zur Polizei, erstattet Betrugsanzeige gegen den mutmaßlichen Drahtzieher. Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt.

Zeugen werden vernommen, Beweismittel wie etwa Rechnungen gesammelt. Aus den bereits erfolgten Zahlungen schließen die Beamten zwar, dass aller Wahrscheinlichkeit nach Arbeitsaufträge erteilt wurden. Ein wichtiges Beweisdokument fehlt jedoch: der fingierte Werkvertrag, den Lokaj nicht unterschrieben und folglich auch nicht mitgenommen hat. So bleibt dem Staatsanwalt nur, das Verfahren nach über einem Jahr einzustellen. Der versuchte Betrug kann nicht nachgewiesen werden.

Wenn der Pole über die Geschehnisse spricht, ist er völlig aufgebracht. Vom deutschen Rechtssystem fühlt er sich im Stich gelassen. Seit er arbeitet, habe er sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Um den Papierkram zu bewältigen, fährt Lokaj zwei- bis dreimal die Woche zu einem Steuerbüro nach Herne. Hier arbeitet der gebürtige Pole Alexander Maiwald. Der Steuerberater übernimmt bisweilen die gesamte Buchführung seiner Klienten, hilft beim Anmelden eines Gewerbes oder bei der Jobsuche. „Ich sehe meine Arbeit als Mission“, erklärt der 58-Jährige. Zwei Drittel seiner rund 700 Klienten kommen aus Polen.

Zur Klientel des Steuerberaters zählte bis vor einiger Zeit auch die mutmaßliche Betrugsfirma. Maiwald wollte zunächst schlichten; er machte dem Unternehmen ein Angebot, zumindest einen Teil der geforderten Summe zu zahlen. Keine Reaktion. Auch die Bemühungen von Lokajs Rechtsanwalt Andreas Kokott scheiterten bislang. Der Jurist vermutet ebenfalls, dass Selbstständige wie Lokaj herangezogen werden, um Arbeiten zu verrichten, für die sie dann nicht – wie vereinbart – bezahlt werden. Der Anwalt räumt aber auch ein: „Wer sich im geschäftlichen Leben tummelt, der muss auch selbst dafür Sorge tragen, dass ihm das nicht passiert.“ Ähnlich sieht es der Leiter für internationale und europäische Baupolitik bei der IG Bau, Frank Schmidt-Hullmann. „Da hat einer ausgenutzt, dass ein anderer nicht fit ist fürs Unternehmer-Dasein“, sagt der 53-Jährige. Beim Bau sei es üblich, dass ein Drittel der voraussichtlichen Kosten bereits im Vorfeld gezahlt werden. Viele Baufirmen würden von ihren Vertragspartnern aber auch Bankbürgschaften verlangen, damit im Notfall das Geldinstitut des Subunternehmers für ausstehende Zahlungen haftet. 

Bürgschaften seien oft nur schwer umsetzbar, die Baubranche „ein Dickicht, in dem viele Fallen lauern“, sagt Kokott. „Wegen Konkurrenzdruck arbeiten einige buchstäblich ohne Netz und doppelten Boden.“ Das Risiko, betrogen zu werden, sei hoch. Um das Risiko zu verringern, rät Schmidt-Hullmann jedem Unternehmer, bei der Schufa eine kostenpflichtige Auskunft über die Zahlungsfähigkeit des künftigen Auftraggebers einzuholen. Viele Subunternehmer seien jedoch nicht bereit, einen solchen Aufwand zu betreiben. Sie arbeiteten so lange, bis etwas passiert.

Gegen besagtes Bauunternehmen läuft mittlerweile ein Insolvenzverfahren. Die Chancen, dass der Pole und seine Kollegen jemals das ihnen zustehende Geld sehen, sind auf ein Minimum gesunken. Der vermutliche Drahtzieher leitet inzwischen ein neues Unternehmen. Er selber tritt dabei nicht in Erscheinung, überlässt vielmehr anderen die Firmengründung. „Solange es keinen Richterspruch gibt, werden wir ihn nicht stoppen können“, sagt Anwalt Kokott.

Tadeusz Lokaj will weiterkämpfen und – wie er sagt – bis vor den Europäischen Gerichtshof nach Straßburg ziehen. „Ich fordere eine gerechte Strafe, damit diese Person niemandem mehr ins Gesicht lacht und dabei ans Betrügen denkt.“


24.05.2012
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