Auf dem „camino del norte“ nach Santiago de Compostela
Über Klippen zu sich selbst
„Alle Wege führen nach Rom“, lautet ein altes Sprichwort. „Und ganz viele nach Santiago“, können passionierte Jakobs-pilger ergänzen, denn in die galizische Hauptstadt führt nicht nur der „camino frances“: Immer mehr Pilger entdecken den reizvollen „camino del norte“, der es an Länge mit dem „französischen Bruder“ aufnehmen kann und der zu einem Drittel fast unmittelbar an der Küste entlang führt.
von Horst-Dieter Czembor
„Ich suche die Einsamkeit, wenn ich sie brauche. Ich muss beim Pilgern entscheiden können, ob ich ganz für mich sein oder mich unterhalten möchte,“ sagt Markus, ein 36-jähriger technischer Kaufmann aus der Schweiz, der eigentlich lieber als Sozialarbeiter seine Brötchen verdienen würde. Er hat sich aus seiner Heimat auf den Weg gemacht und an der spanischen Grenze für den „Nordweg“ entschieden.
„Ich ahnte nicht, was der Weg aus mir machen würde: Fort ging ich als eifriger Wanderer, inzwischen fühle ich mich anders und in Santiago de Compostela werde ich wohl als echter Pilger ankommen“, lacht er, nippt an seinem „café con leche“ und blättert in seinem Pilgerführer.
Und sinniert weiter: „Der Weg verbindet, der Weg lässt Dich nie mehr los, der Weg bringt jeden zum Heulen, der Weg ist gnadenlos. Das sind nur einige Sätze, die ich vor dem Start hörte. Dass sie alle mehr oder weniger stimmen, habe ich bereits erfahren.“ Markus will den Weg nutzen, um herauszubekommen, ob er den Berufswechsel wagen soll. „Helfen kann mir bei der Entscheidung niemand“, weiss er.
Dass er sich für den Nordweg entschieden hat, bereut er nicht, obwohl er auf den ersten 250 Kilometern in Nordspanien dreimal Pech hatte: Zuerst fing er sich im hohen Gras Zecken ein, dann wurde er in einer privaten Herberge von Wanzen gebissen und zu guter Letzt löste sich die Sohle bei einem seiner neuen teuren Wanderschuhe. Doch Markus lässt sich nicht aus dem Konzept bringen: Er will jeden einzelnen der etwa 830000 Meter des „camino del norte“ gehen, jeden Schritt bewusst spüren und sich von der Vielfalt der Strecke verzaubern lassen.
„Ich habe bisher mit vielen Mitpilgern gesprochen und einige haben mit ihren Gedanken sehr tiefe Spuren in meine Seele gegraben“, zieht er Zwischenbilanz. Besonders ein „hospitalero“ – ein Herbergsvater – hat ihm die Richtung gewiesen: Er hat Markus das Buch „Jetzt“ geschenkt, das zu einem zufriedenen Leben im Heute anregt.
Besonders auf dem Nordweg wissen die Pilger die Pausen zwischen den Etappen zu schätzen, denn oft stoßen sie an ihre Grenzen: Tägliche „Höhenmeter“ von mehr als 1000 Metern Auf- und Abstieg sind keine Seltenheit, und 25 Kilometer am Tag sollten es schon sein, um rechtzeitig nach Santiago zu kommen. Und: Jede Nacht an einem anderen Ort in einem anderen (Etagen-)Bett, mit anderen Leuten zusammen, tagsüber durch ständig wechselnde Landschaften zu gehen, das erfordert geistige und körperliche Beweglichkeit.
„Aber es macht unheimlich viel Spaß“, lacht Monja, 26-jährige Polizistin aus Kiel, die erst auf den letzten 100 Kilometern auf den „Nordweg“ stößt: Sie ist – wie Hape Kerkeling – den „camino frances“ gepilgert, hat mit Claudia, einer Steuerfachgehilfin aus dem Schwarzwald, eine echte Freundin gefunden, und hat deswegen die „Pilgerautobahn“ unbeschadet überstanden.
Markus schwärmt ihr beim abendlichen „Pilgerstammtisch“ in der Herberge, an dem in vielen Sprachen geredet und diskutiert wird, vom „camino del norte“ vor: „Du kannst Dir kaum vorstellen, wie beruhigend das Meer ist, auch wenn die Gischt neben dem Weg schäumt, wie herrlich ein Strand als Pilgerweg sein kann und was für ein tolles Gefühl es ist, wenn Du eine Steilküste erklommen hast und Dich dann umsiehst. Oder wenn Du am Felsstrand entlang turnst und oben auf den Felsen eine Hütte siehst und weißt: Das ist meine Pilgerherberge, in der ich heute Nacht schlafen werde“. Markus ist nicht aufzuhalten.
„Am schönsten ist es frühmorgens, wenn ich meinem langen Schatten nachlaufe, der fast bis Santiago reicht, oder wenn ich vor einem Tunnel stehe, der speziell für uns Pilger aus dem Fels gesprengt ist. Nur schade, dass die meisten Kirchen verschlossen sind, aber das ist ja auf den anderen Wegen sicher nicht anders“, blickt er fragend in die Runde.
Baas, ein Banker aus Holland, ebenfalls auf dem Nordweg unterwegs, ergänzt: „In Sobrado dos Monjes ist es anders: Da hat das Kloster eine eigene stillgelegte Kathedrale, aus deren Dach schon Bäume wachsen, die offen ist. Aber es gibt da eine tolle Herberge, die sogar Bettwäsche hat!“
Tim aus Thüringen wird es ganz schummrig, wenn er an die Riesenbrücke bei Oviedo denkt, die 750 Meter lang in 37 Meter Höhe nach Galizien führt, die er ohne Schwierigkeiten gemeistert hat.
An eine Begebenheit erinnern sich die meisten in der Pilgerrunde: Vor der Herberge in Comillas, einem ehemaligen Gefängnis, steht die lange Pilgerschlange um endlich ein Bett zu bekommen. Die Unruhe wächst, nur die spanischen Pilger sind ganz gelassen: Camillo aus Granada stimmt ein Volkslied an, einige andere singen zögernd mit und Mariluz und Mariano fangen an ausgelassen zu tanzen...und Langeweile und Ungeduld sind plötzlich Fremdworte...







