Aktuelle Ausgabe
2012-20

Was der Einzug Jesu in Jerusalem sichtbar macht

Triumphaler Eselsritt

Obamas Amtseinführung: Symbol der Macht.Foto: PA

Zwei Millionen Amerikaner jubelten, sangen und tanzten auf den Straßen Washingtons, als ihr neuer Präsident am 20. Januar 2009 vor dem Kapitol den 220 Jahre alten Amtseid ablegte, mit der linken Hand auf der Bibel, auf die schon Präsident Abraham Lincoln geschworen hatte. Der Staatsakt wurde zum Volksfest, zur „größten Party der Welt“, so die Schlagzeilen.

von Katharina Klöcker

Ob Präsident, Papst, Kalif oder König – wenn weltliche Herrscher und geistliche Oberhäupter in Amt und Würden eingesetzt werden, spielen Rituale eine besondere Rolle. Bestimmte Gesten, Gebärden, Gegenstände und Symbole sollen den künftigen Machthaber beziehungsweise das religiöse Oberhaupt feierlich in Szene setzen und seinen Herrschaftsanspruch untermauern. Viele dieser Rituale haben die Jahrhunderte überdauert. Trotz unterschiedlicher Ausprägungen ähneln sie sich in vielen Kulturen: Auch heute noch werden Kronen aufgesetzt, Zepter, Ringe und kostbare Gewänder überreicht und heilige Eide geschworen.
Diese Spektakel strahlen mit ihrem Symbolgehalt stets Faszination aus. In früheren Jahrhunderten versammelten sich die Untertanen, um dem künftigen König oder Kaiser zuzujubeln. Monumentale Wand- und Ölgemälde legen bis heute Zeugnis von dem jeweiligen historischen Zeremoniell ab. Im Medienzeitalter garantieren die Zeremonien zur Amtseinsetzung von Präsidenten oder des Papstes dagegen den Rundfunkanstalten höchste Einschaltquoten. So verfolgten nicht nur Millionen Zuschauer vor Ort sondern auch vor den Bildschirmen die Inauguration Obamas. In ähnlicher Weise fieberten im Jahr 2005 unzählige Fernsehzuschauer weltweit dem Moment entgegen, in dem der neu gewählte Papst Benedikt XVI. auf der Loggia des Petersdoms erschien.
Viele Rituale rund um Amtseinsetzungen haben sich im Laufe der Zeit kaum verändert. Es sollen Beständigkeit demonstriert und althergebrachte Traditionen beschworen werden, um die Macht zu sichern. Andererseits war es immer auch möglich, Rituale zu verändern, um eine Botschaft zu vermitteln.
Zum Beispiel lässt sich an mittelalterlichen Königskrönungen eindrucksvoll belegen, wie sehr die Monarchen Rituale instrumentalisierten. Der erste sächsische König, Heinrich I., etwa schlug bei seinem Amtsantritt im Jahr 919 Krone und Salbung aus. Er begründete dies damit, dass ihm Gottes Gunst und die Huld der Herzöge seines Reiches genügen. Dies bescherte dem König die Sympathie seiner mächtigsten Untertanen und sicherte seinen Herrschaftsanspruch nachhaltig. Der jetzige Papst zog bei seinem Amtsantritt mit einem ungewöhnlichen liturgischen Kleidungsstück die Aufmerksamkeit auf sich. Denn Benedikt XVI. trat mit einem Pallium auf, einer Art Stola mit fünf roten Kreuzen, die in dieser Form nur in der Spätantike und im Frühmittelalter üblich war. Die Wiederbelebung dieses päpstlichen Amtsabzeichens wurde als Schritt in Richtung der getrennten Kirchen der Orthodoxie interpretiert, wo ein ähnliches liturgisches Kleidungsstück von Patriarchen, Metropoliten und Bischöfen getragen wird.
Auch der Evangeliumstext dieses Sonntags berichtet von einer feierlichen Amtseinsetzung – wobei der antike Leser bei der Schilderung des Einzugs Jesu in Jerusalem an die Paraden jüdischer, griechischer oder römischer Könige und Kaiser seiner Zeit gedacht haben wird. Um die Helden und Herrscher der antiken Welt zu begrüßen, kleidete sich das Volk festlich, schmückte die Straßen und zog dem Triumphator entgegen. Genau diese Motive eines antiken Triumphzuges greift Lukas auf: Auch Jesu Einzug in Jerusalem beginnt vor den Toren der Stadt. Die Jünger schmücken den Weg Jesu mit ihren Kleidern, rollen den roten Teppich aus. Er wird vom Volk gepriesen und vor den Toren der Stadt begrüßt. Damit schlüpft Jesus für alle sichtbar in die Rolle eines Königs.
Und doch ist es unmöglich, Jesu Einzug in die Heilige Stadt mit dem politischen Triumphzug eines sonstigen Herrschers zu verwechseln. Denn er zeichnet sich durch eine oft hervorgehobene Doppeldeutigkeit aus. Zwar reitet auch Jesus in die Stadt, aber nicht auf dem Schlachtross der Kriegsherren, sondern auf einem Esel, Reit- und Lasttier des kleinen Mannes. Das ist ein Symbol für Demut.
Ein König auf einem Esel ist ein paradoxer Machthaber. Doch genau um diese Botschaft geht es: Jesu Königtum ist nicht von dieser Welt. Allerdings wird erst im weiteren Verlauf klar, was die Größe dieses Königs ausmacht.
Sie zeigt sich nicht im Triumph, sondern in der größten Niederlage: In Jerusalem angekommen, erntet dieser König statt Lob und Preis nur Spott und Schmähungen. Seine Krone ist ein Folterinstrument. Und als er sich seinem Volk zeigt, sitzt er nicht auf dem Thron, sondern hängt sterbend am Kreuz. Gründlicher kann eine Krönungszeremonie kaum pervertiert werden Und doch wird sich dieser geschundene König der Juden schon kurze Zeit später in einem neuen Licht zeigen.


24.05.2012
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