Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Und das Wort ist Fleisch geworden

Prälat Franz Hochstein ist Krankenhausseelsorger im St. Johannisstift und in der LWL-Klinik (Psychiatrie) in Paderborn und Subsidiar im Pfarrverbund Paderborn-West.

In der Menschwerdung Jesu ist das Wort und die Liebe Gottes Fleisch geworden. Diese Liebe will in unserem Herz Wohnung finden. 

von Prälat Franz Hochstein  

Und das Wort ist Fleisch geworden. In diesen Worten klingt noch einmal die Melodie der Weihnachtsbotschaft an. Diese Melodie will immer wieder an unser Ohr und in unser Herz dringen, damit wir mehr und mehr zu verstehen vermögen, wie sehr und unverbrüchlich Gott zu uns allen steht. Der Unbegreifliche sehnt sich danach, uns mit seiner grenzenlosen Liebe zu umgreifen. Der zu uns Gekommene lädt uns ein: Kommt zu mir und geht mit mir; dann werdet ihr ankommen, wo unendliches Glück auf euch wartet!

Der verstorbene Aachener Bischof Klaus Hemmerle hat in einem seiner vielen Bücher einmal geschrieben: „… das Wort ist Herz geworden“. Lässt sich von diesem Wort her nicht sagen: Im Fleisch gewordenen Wort gab Gott sein Herz in die Welt! Und dieses Herz suchte Wohnung in unserm Herzen, wollte das Herz, der Herzschlag unseres Herzens sein. Gott hört nicht auf, uns Menschen zu suchen, damit wir das wahre Leben finden, umfangen und durchdrungen vom göttlichen Leben. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch soll eine ganz herzliche sein: Herz ins Herz gegeben. Vertrauensvoll soll sie sein wie zwischen besten Freunden. Letzte Geborgenheit will sie schenken – Heimat im Herzen der Liebe. Im Herzen Gottes ist Lebensraum für alle. Das Mensch gewordene Herz-Wort Gottes verlangt danach, unser Herz mehr und mehr zu formen, damit wir das angemessene Format für unsere Worte finden, dass sie gute Herzworte sind. In unseren Worten spricht ja unser Innerstes. Was wir sagen, geht von Herz zu Herz. Unsere Worte dürfen nicht wie schneidende Glassplitter sein und nicht wie harte Steine, weil sonst tiefe Verletzungen geschehen. Die jüdische Dichterin Hilde Domin ist überzeugt: „Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort.“ In einem Gruppengespräch in der Psychiatrie überraschte mich einmal eine Patientin mit den Worten: „Wenn man mit Steinen beworfen wird, muss man mit Rosen zurückwerfen.“ Worte wie Rosen können nur aus einem in der Liebe blühenden Herzen kommen!

Das Herz-Wort Gottes spricht zu uns: Nehmt mich auf! Wenn wir diesem einladenden Ruf folgen, dann vermögen wir stets aufs neue den „Kampf“ des Lebens aufzunehmen, fest davon überzeugt, dass es keine endgültige Niederlage geben wird, weil Jesus sich bis in unsere tiefsten Abgründe hinein erniedrigte. Wer dagegen Jesus nicht aufnimmt, droht die Mitte des Lebens zu verfehlen und begeht den schlimmsten Fehler seines Lebens. Es ist erschütternd, wenn gesagt werden muss: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Jesus will nicht, dass auch nur einer von uns draußen vor der Himmelstür bleibt. Darum bittet er uns immer wieder: Nehmt mich auf! Ihr seid doch mein Eigentum. Ihr gehört mir, ich gehöre euch! Mein Leben in euch und euer Leben in mir! Mit mir wird euer Leben gelingen, wenn ihr immer wieder „Gnade über Gnade“ in euch einströmen lasst, wenn ihr offen bleibt für meine Liebe, meine Zuneigung und meine Zärtlichkeit.

 

 


24.05.2012
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