Gedanken zum Evangelium
Und keiner soll mehr sagen: „Niemand will mich suchen.“
Gott ist unermüdlich auf der Suche nach den Verlorenen, nach den Sündern. Darin sieht Eva-Maria Nolte die Kernaussage der drei Gleichnisse im Evangelium.
Von Eva-Maria Nolte
Ein uns fast vertrautes Bild: Jesus schart die um sich, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben dürfte: Zöllner und Sünder. Die Pharisäer und Schriftgelehrten stehen abseits und zerreißen sich die Mäuler über ihn. Sie sprechen nicht mit Jesus selbst, sondern reden abfällig von ihm in der 3. Person: „Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.“ Denn ALLE Zöllner und Sünder sind gekommen; alle die, welche Sehnsucht danach haben, endlich wie ein Mensch behandelt zu werden und nicht wie der letzte Abschaum der Gesellschaft. Alle die, welche von Jesus alles erhoffen, die sind nun da. Und die frommen Juden, auch sie sind zur Stelle, haben endlich wieder einen Grund, sich über diesen Jesus zu empören. Dass er mit den Sündern isst – ein gefundenes Fressen für sie.
Nun beginnt Jesus, ihnen drei Gleichnisse zu erzählen. Wer das erste noch nicht kapiert, der hat bei den beiden folgenden noch die Chance, bis auch der letzte verstehen kann – wenn er will: Wenn einer von 100 Schafen eines verliert, wenn eine Frau von 10 Drachmen eine nicht finden kann, dann werden alle anderen und alles andere stehen gelassen, um das Verlorene wiederzufinden. Und wie viel mehr suchte wohl der Vater nach seinem „verlorenen Sohn“, bis er ihn endlich wieder in die Arme schließen konnte? Letzteres uns wohl bekannte Gleichnis lässt Lukas den beiden anderen direkt folgen. Jesus will in seinen Beispielen nicht das Verlorene beschreiben, nein, es geht um den Suchenden. Jedes Suchen braucht erst einmal einen Verlierer, einen Verlierenden, der alles dransetzt, das Verlorene/ den Verlorenen zu finden.
Mit der Rettungshundestaffel suchten wir einmal einen älteren Mann, der von seiner gewohnten täglichen Runde nicht heimgekommen war. Wir haben gesucht, Stunden, die ganze Nacht; Leute befragt, die ihn kannten; uns an jedes mögliche Zeichen geklammert; waren immer wieder neu enttäuscht, die ganze Nacht hindurch, bis zum Morgen. Er konnte tot sein. In Jesu Gleichnis spricht das der Vater aus: „Mein Sohn war tot …“ Nicht mehr in Kontakt zu sein, nichts mehr voneinander zu wissen, das ist wie tot sein. Aber das Finden schließlich, es braucht ein Fest für das neu geschenkte Leben.
Eine jüdische Geschichte erzählt von einem Jungen, der mit einem Kameraden Verstecken spielte. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suchte. Als er lange ausgeharrt hatte, kam er aus dem Versteck, doch der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte der Junge, dass der ihn überhaupt nicht gesucht hatte, und in seiner Enttäuschung begann er bitterlich zu weinen. Schluchzend lief er nach Hause und beklagte sich: „Ich habe mich versteckt, aber niemand will mich suchen.“
Ist es das, was diejenigen empfinden, die zu Jesus strömen: Da ist einer, der ihnen nachgeht, um sie zu holen. Von dem, der immer sucht, will Jesus erzählen, ohne die Technik von heute, allein mit der Sehnsucht, dem Nicht-Aufgeben-Wollen des Suchenden. So ist Gott. Genauso unermüdlich, bis zum Rande der Verzweiflung sucht er einen jeden von uns. Und das ist das, was die Sünder, die Verlorenen, zu Jesus treibt. Sie sehnen sich nach einem, der sie nicht da lässt, wohin andere sie abgeschoben haben, weil sie peinlich sind für die Öffentlichkeit, weil sie Sünder sind. Ohne diesen Gott, den Jesus verkündet, dürften sie nie wieder aus ihren Löchern, hätten sie nie wieder teil am Leben, weil sie sich nicht – wie die, welche auf sie herabschauen – Opfergaben im Tempel leisten können, um ihre Sünde zu sühnen. Aber ab heute müssen sie nicht mehr weinen, denn Jesus geht ihnen nach, viel mehr als allen anderen, und Gott wird ihnen alle Tränen abtrocknen, ohne Opfergaben, ohne Vorleistung.







