Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Unsere Heimat ist im Himmel

Propst Michael Feldmann,

Über den Begriff „Heimat“ macht sich Propst Michael Feldmann aus Werl in seiner Allerseelen-Betrachtung Gedanken.

von Michael Feldmann

Fast tausend Schützen aus unseren katholischen Bruderschaften sind in der vergangenen Woche auf Romwallfahrt gewesen. Zapfenstreich und Fahnenweihe, Apostelgräber und Papstaudienz, das antike und frühchristliche Rom standen auf dem Programm. Zahlreiche Fahnen auf dem Petersplatz zeigten das Motto vieler Bruderschaften: Glaube – Sitte – Heimat. Heimat, das ist mehr als ein geografischer Begriff! „Unser Heim“ steht gern und häufig über Grabmälern in unserem Nachbarland Österreich. Unser Heim? Wenn wir zu Allerheiligen und Allerseelen an den Gräbern unserer Lieben stehen, halten wir es doch lieber mit dem Philipperbrief: „Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter“ (Phil 3,20). Heimat ist ein schillernder Begriff. Für den Dichter Heinrich Heine (1797-1856) war die Thora, das jüdische Heiligtum jeder Synagoge, ein „portatives Vaterland“, eine Heimat, die man mitnehmen konnte, selbst in die Diaspora. Für den neuen Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio (geboren 1940) ist Heimat nach zahllosen Umzügen in der ganzen Welt nur noch die französische Muttersprache. Vaterland und Muttersprache: Heimat ist familiär! Für die alte, längst verstorbene Oberin Sr. Bernhelma meines heimatlichen kleinen Franziskanerinnenkonvents im sauerländischen Finnentrop war Heimat eine klare Größe, als sie mir am Primiztag 1986 sagte: „Überall da, wo ein Tabernakel ist, sind wir daheim!“ 
Irdische Heimat kann nicht gegen die himmlische Heimat ausgespielt werden, geistige Beheimatung ist noch einmal etwas anderes als jenes Gefühl, das Heimatvertriebene auch in nachgeborene Generationen zu vererben geneigt sind. Und Jesus selbst hat nicht nur gute Erfahrungen mit seiner Heimat gemacht (Mk 6,4), denn nirgends ist ein Prophet weniger geachtet, als in seiner Heimat. „Unsere Heimat aber ist im Himmel.“ Immerhin ist es seine erste christliche Gründung außerhalb des jüdischen Kulturkreises, an die Paulus dort schreibt. Philippi, die erste christliche Gemeinde Europas, wird ihm ganz sicher ein Stück Heimat mitten im Neuland gewesen sein. Paulus schreibt aus seiner römischen Gefangenschaft: „Er blieb zwei volle Jahre in seiner Mietwohnung und empfing alle, die zu ihm kamen. Er verkündete das Reich Gottes und trug ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus Christus, den Herrn, vor“ (Apg 28,30-31). So endet die Apostelgeschichte, vom Ende des Paulus erfahren wir in der Bibel nichts. Sein Heimatbegriff liegt ganz im Jenseits. Der Völkerapostel klebt nicht an der Scholle. „Wir werden mit Fäusten geschlagen und sind heimatlos“ (1 Kor 4,11). Seine Heimat findet der weitgereiste Paulus erst bei Gott. Die Heimat seiner frommen Zeitgenossen war hingegen Jerusalem, der Zion: „Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben“ (Jes 25,6).
Wie wundervoll, dass immer wieder das üppige Festmahl unsere Vorstellungskraft vom Himmel prägt. Das ist handfest, nicht abstrakt. Das entspricht den tiefsten Sehnsüchten der Menschen jener Zeiten, in denen man ums tägliche Brot bitten und kämpfen musste und noch niemand den Überfluss durch Kalorienzählen zu zähmen versuchte! Die biblischen Texte zu Allerseelen wollen uns trösten, über den Tod unserer Lieben und über das eigene Sterben in der Zukunft. Und da fällt den Autoren der Heiligen Schrift kein besseres Bild ein, als das vom Gast- und Fest- und Hochzeitsmahl: ein großes Speisen im Miteinander, ein Bild ewiger Eucharistie (Danksagung) für das eigene Leben und ewiger Kommunion (Gemeinschaft) mit Gott. Heimat finden und Mahl halten! Das gibt dem Tod keinen Raum.


24.05.2012
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