Aktuelle Ausgabe
2012-20

3 500 „Jesus-Freaks“ kamen zum „Freakstock“-Festival nach Borgentreich

Verrückt nach Jesus

Auf dem Freakstock-Festival in Borgentreich widmen sich die Jesus-Freak-Punker Chrissi, Micha und Stefan (v. l.) vor der großen Hauptbühne der Bibellektüre.Foto: Wamers

Borgentreich (jon). Ein Piercing ziert Unterlippe und Nasenwand. Die Haare  hat sich der Punk an den Seiten abrasiert und kleine Strähnchen pink gefärbt. Der Punk heißt Micha, ist 21 Jahre alt, angehender Kosmetiker und „Jesus-Freak“, ein „Jesus-Verrückter“. Jesus und verrückt– wie passt das zusammen? „Die Jesus-Freaks kommen ursprünglich aus der Punkerszene", verrät der Mann aus Jena.

von Sandra Wamers

Micha ist nicht der einzige Punk auf dem Freakstock-
Festival, das jetzt in der ehemaligen Desenberg-Kaserne nahe Borgentreich stattfand (Der DOM berichtete). Stachelige Irokesenschnitte ragen aus der Masse der 3500 Besucher, aber auch verfilzte Dreadlock-Zöpfe sind zu sehen, neben tätowierten Glatzen. Das junge Volk mag es bunt – eben „freakig“, verrückt. T-Shirts und Kappen sind mit dem griechischen Alpha- und Omega-Buchstaben verziert. Die Buchstaben, die der Friedhofsgänger auf Grabsteinen sieht. Alpha und Omega: Aller Anfang und Ende liegt für die Jesus-Freaks in Jesus. Fünf Tage lang wurde er auf dem Freakstock-Festival gefeiert – tagsüber leise, abends ganz laut.
In den Mittagsstunden treffen sich die Festival-Besucher zu Vorträgen über Glaubenserfahrungen unter freien Himmel. In diesen sogenannten „FKKs“, den „Freiwilligen KonsumsKlubs“, tragen die Referate Titel wie „Happy Dissapointment – wenn Gottes Plan zwickt“ oder die „Sprache der Liebe“. Referiert wird auch über (Ehe-)Frau und (Ehe-)mannsein. In den Fußnoten verweisen die Redner auf die Bibel, denn sie ist der stete Begleiter der Jesus-Freaks. Sogar eine eigene Bibelübersetzung wird verkauft: die „Volxbibel“, das Neue und Alte Testament in peppiger Jugend-, mitunter auch deftiger Gossensprache. Das klingt dann so: „Ihr seid wie ein Kühlschrank für diese Welt. Ohne euch würde alles Gute vergammeln. Wenn dieser Kühlschrank aber nicht mehr funktioniert, gehört er auf den Schrott, wo er verrotten soll.“ So klingt das fünfte Kapitel im Matthäus-Evangelium, Vers 13, über das „Salz der Erde“. Als interaktives Projekt gibt es die „Volxbibel“ auch im Internet.
Verena, 22-jährige Studentin aus Salzburg, verkauft die „Volxbibel“ auf dem Festival. „Aber ich mag das Original lieber, die Rede ist mir doch zu krass“, gesteht sie. Sie liest in ihrer Taschenbibel an der S-Bahn-Station „und so zwischendurch“. Nur an den Abenden auf dem Festival wird die Bibel aus der Hand gelegt. Denn dann wird es laut und rockig. Dann singen Bands wie „Mocking Death“, „Sacrificium“ oder „Antidemon“ von Gott.
Das haben sich auch Pfarrer Werner Lütkefend, Leiter des Pastoralverbundes „Borgentreicher Land“, und Pfarrerin Katharina Ziemssen von der evangelischen Kirchengemeinde Borgentreich angehört. „Diese Gemeinde ist mir schon fremd vom Glauben und der Mentalität her, eine etwas fremde Art von Faszinosum“, resümierte Lütkefend nach seinem Besuch auf dem Festivalgelände. Freakstock ist für ihn absolutes Neuland, aber ein ordentliches: „Keine Alkohol- oder Drogen-Exzesse, sehr sauber und sehr freundlich.“ Leicht irritiert hätten ihn aber die sehr offenen Berichte über die Bekehrung zum Glauben. „Da ist unsere Form des Glaubens schon etwas anders“, hat er einen „sehr zwiespältigen“ Eindruck von den Jesus-Freaks. „Sehr schillernd“ sei die Bewegung, wohl kaum das Richtige für kirchlich geprägte Jugendliche. Im Nachhinein ist er jedenfalls froh, dass seine Gemeinde und das Dekanat Höxter sich aus der Veranstaltung rausgehalten haben. Denn Reklame will er für die Jesus-Freaks nicht machen. Trotz aller kulturellen Unterschiede könne man aber von den Jesus-Freaks auch lernen, meint Pfarrer Lütkefend: „Mehr öffentlich über unseren Glauben zu sprechen.“
Obwohl evangelisch-freikirchlich geprägt sind die Jesus-Freaks der evangelischen Gemeinde in Borgentreich kulturell kaum näher. Eine „andere Frömmigkeitsstruktur“ hat Pfarrerin Katharina Ziemssen ausgemacht, allerdings auch ein „Kirchentag-Feeling, weil sehr friedlich und freundlich“.
Nach dem fünftägigen Freakstock-Festival ist jetzt wieder Ruhe auf dem ehemaligen Kasernengrund eingekehrt. „Das Gelände war einfach super, und die Nutzung ein Traum“, bilanziert Freakstock-Pressesprecher Martin Hünerhoff. „Es war alles tipp topp.“ Und so stehen die Chancen ziemlich gut, dass die Jesus-Freaks nächstes Jahr wieder nach Borgentreich kommen.


24.05.2012
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