Gedanken zum Evangelium
Verrückt?
Wer heute den Eingebungen Gottes folgt, wird von anderen schnell für verrückt erklärt. Und doch halten gerade solche Menschen Kirche und Gesellschaft am Leben.
von Georg Kersting
„Der spinnt wohl! Die braven Bürger wundern sich, was da vor den Toren ihrer Stadt geschieht. Während sie ihrer Arbeit nachgehen und ein geordnetes Leben führen, ist da einer, der ist ganz anders. Draußen vor ihrem schmucken Ort baut er etwas. Es sieht aus wie ein Schiff. Ein riesiges Schiff. Aber was soll ein Schiff, kilometerweit vom nächsten Wasser entfernt?
Diese groteske Szene führt Jesus seinen Jüngern vor Augen. Der muss wohl nicht ganz richtig sein im Kopf, der Mann, der dieses Schiff baut? Noah sein Name. Nicht ganz richtig im Kopf! So denken wir über Leute, die aus Angst, der Himmel könnte ihnen auf den Kopf fallen, ständig einen Helm tragen; oder andere, die Vorräte anlegen und Höhlen graben, damit sie gewappnet sind, wenn die Außerirdischen mit der Invasion der Erde beginnen. Doch dieser Merkwürdige, dieser Verrückte, dieser Noah, er macht das Richtige, um der großen Flut zu entgehen. Und die anderen, die essen und trinken und heiraten, als sei alles in bester Ordnung, ihnen wirft Jesus vor, dass sie keine Ahnung haben.
Geht es heute religiösen Menschen, Glaubenden, christlich Eingestellten nicht so, wie Noah in biblischer Zeit? Sie werden belächelt. Sie werden nicht verstanden. Ein Leben, das Gott an die erste Stelle setzt, folgt anderen Gesetzen als dem, was landläufig gilt: Profit, Prestige, Konsum, Image. Da ist ein junger Mann, der macht nach der Schule ein freiwilliges soziales Jahr oder arbeitet als Missionar auf Zeit. Warum? Er könnte doch sein erstes Geld verdienen. Und denkt er nicht an seine Karriere? Zeit ist Geld! Oder was ist mit jener Rentnerin, die nach einem anstrengenden Berufsleben bei der Tafel Woche für Woche fremden Menschen Lebensmittel ausgibt. Und das auch noch ohne Bezahlung. Warum genießt sie nicht ihr Alter und fährt in die Sonne? Und es soll auch noch Menschen geben, die sich regelmäßig zum Gebet versammeln, um ihrem Leben Halt und Orientierung zu geben. Und das am Sonntagmorgen, wenn die anderen schlafen. Ganz zu schweigen von solchen, die Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam auf ihre Fahnen geschrieben haben, um ihr Leben ganz nach Gottes Maßstäben auszurichten. Sie vertrauen auf das Wort des heiligen Ignatius: „Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen.“
All dies muss für Zeitgenossen sehr merkwürdig klingen. Oder ist es vielleicht das, was sie im Innersten ersehnen, aber noch nie gedacht, geschweige denn in Worte gefasst haben? Und wie sieht es mit uns aus? Gehören wir zu den braven Bürgern, die sich in ihrer Geschäftigkeit nicht stören lassen? Oder bauen wir mit an etwas Größerem, einer Arche für unsere Zeit? Einer Arche, die nicht teilnahmslos über das Elend der Welt hinweg fährt, sondern so etwas ist wie ein Weizenkorn, wie Sauerteig für eine bessere Menschheit. Bauen wir mit an dieser Arche in, mit, durch und manchmal vielleicht sogar gegen die (real existierende) Kirche, wie Schwester Mary Mac-Killop (1842–1909)! Sie musste wegen der Anzeige eines pädophilen Priesters schwere Nachteile hinnehmen und wurde eine Zeit lang von ihrem Bischof sogar exkommuniziert. Am 17. Oktober wurde sie als erste Australierin von Papst Benedikt heiliggesprochen. Bauen wir mit all unseren Kräften! Seien wir nicht nur Gelegenheitsarbeiter, sondern machen wir dieses Projekt zu unserer Herzensangelegenheit! Nehmen wir Kurs auf das Reich Gottes und eilen wir unserem wiederkommenden Herrn Jesus Christus entgegen.







