Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Verurteilt: Wenn Steine anklagen

Diether Wegener ist Diakon im Pastoralverbund Detmold.

In der Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin klingt für Diakon Diether Wegener ein Grundton seines ganzen Evangeliums an. Es geht Jesus immer zuerst um das Leben und Glück des Menschen.

von Diether Wegener

Eine Frau wird öffentlich vorgeführt und angeklagt. Bloßgestellt und erniedrigt steht sie in der Mitte, umgeben von einer höhnenden Menge. Sie ist abgewichen vom Weg der Gerechten. Ihr Vergehen: Ehebruch. Die Strafe: Tod durch Steinigung. Weil das Eindringen in eine fremde Ehe sowohl die Existenz der Familie als auch letztlich den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdete, galt Ehebruch als ein so schwerwiegendes Vergehen, dass das jüdische Eherecht dafür die Höchststrafe vorsah.
Eigentlich geht es den Anklägern aber gar nicht so sehr um die Ehebrecherin. Es geht ihnen vielmehr um Jesus. Immer wieder haben sie versucht, ihn in die Enge zu treiben. Er soll entweder als Heuchler entlarvt oder als Gesetzesbrecher überführt werden. Die Falle ist aufgestellt. Stellt er sich auf die Seite der Frau, zeigt er, dass ihm das Gesetz nichts bedeutet – verurteilt er sie, dann widerspricht er sich selbst. Wie wird er reagieren, ohne dass sich die Botschaft eines barmherzigen Gottes in Luft auflöst?
Zunächst antwortet Jesus nicht, scheint die Fragesteller mitsamt der Frau gar nicht zu beachten. Dann bückt er sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Eine konzentrierte Stille und Ruhe ist eingetreten. Schließlich geschieht das Unwahrscheinliche. Er sagt nur einen Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ Von einem Augenblick auf den anderen ist das Blatt gewendet, der Fall aufgebrochen. Er hat weder das Verhalten der Frau entschuldigt, noch schließt er sich dem Urteil der Menge an. Mit diesem einen Satz hält er den Menschen vielmehr einen Spiegel vor. Plötzlich steht jeder für sich alleine da mit seinem Stein in der Hand. Die Masken der Heuchelei sind vom Gesicht gerissen und die sorgfältig aufgebauten Fassaden der Selbstgerechtigkeit, die mit Verlogenheit, Arroganz und Hartherzigkeit einhergehen, zum Einsturz gebracht. Jeder ist plötzlich mit seiner eigenen Schuld und seinem eigenen Versagen konfrontiert.
Ein einziger Satz hat die Wende gebracht. Exegeten zählen diesen Satz zu den bedeutsamsten Jesus-Worten in den Evangelien. Der Satz bewirkt, dass die Beteiligten plötzlich aufhorchen. Auf einmal sind sie in der Lage, sich selbst zu erkennen, eigene Schattenseiten wahrzunehmen, von ihrem geplanten Tun abzulassen, umzukehren. Und Jesus? Er beschämt niemanden durch seinen Blick, er bückt sich erneut, schreibt wieder auf die Erde. Er wartet, bis alle gegangen sind. Dann wendet er sich der Frau zu. Wieder sind es nur wenige Worte, die er sagt. Auf den Ehebruch geht er nicht weiter ein. Die Frau steht vor dem Trümmerhaufen der eigenen Schuld. Wieder leiten seine Worte eine Wende ein, bringen Licht in das Leben der Frau. „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“
Ein Grundton klingt hier an, der im ganzen Evangelium schwingt. Lebe!
Max Beckmann hat zu dem Evangelium ein beeindruckendes Bild gemalt. Es kann uns helfen, das Evangelium besser zu verstehen, uns selbst in der Geschichte wieder zu finden. – Mögen wir auf die Gnade Gottes vertrauen und mit den Worten des hl. Ephräm der Syrer († 373) beten:
Herr und Gebieter meines Lebens: Befreie mich vor dem Geist der Trägheit und der Leichtfertigkeit, des Stolzes und der Geschwätzigkeit. Gewähre stattdessen deinem Diener [deiner Dienerin] den Geist der Klugheit und der Demut, der Geduld und der Barmherzigkeit. Allmächtiger Gott und Herr, lass mich meine eigenen Sünden erkennen und nicht über meinen Bruder [und meine Schwester] urteilen! Denn gepriesen bist du in alle Ewigkeit! Amen.


24.05.2012
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