Damian de Veuster ist Apostel der Leprakranken
Von einem der auszog einer der ihren zu werden
Er hat viel für die Aussätzigen getan. Heilen konnte er sie nicht, der belgische Priester Damian de Veuster. Aber er hat auf Hawaii mit ihnen geliebt und versucht, die Umstände ihres Leidens zu mildern. 150 Jahre nach seinem Tod ist er immer noch ein hochverehrter Held, der vielleicht sogar bald heiliggesprochen wird.
von Klaus Nelissen (kna)
Sumpfig ist’s in Tremelo und oft neblig. „Ninde“ nennt man einen Ortsteil des belgischen Städtchens im Flämischen, das bedeutet, „Am Ende“. Unweit von dem Flecken, wo die Bäche Demer und Dijle zusammenfließen, liegt das Geburtshaus von Damian De Veuster. Der Vater züchtete Blutegel. Mit den bei Medizinern gefragten Schmarotzern verdiente der Landwirt ein Zubrot. Der Sohn ging als Missionar bis ans andere Ende der Welt, nach Hawaii, und wurde dort der „Apostel der Aussätzigen“. Nun zeichnet sich ab, dass De Veuster in diesem Oktober heiliggesprochen wird. Es heißt, der Papst wolle ihn zum Patron der Lepra- und der HIV-Kranken ernennen.
Pater Damian ist ein belgisches Phänomen: Im Fernsehen des Landes wurde er 2005 zum „größten Belgier aller Zeiten“ gewählt. Er ziert das Wappen seiner Geburtsstadt, in vielen belgischen Kirchen stehen De-Veuster-Statuen und die nach ihm benannte Lepra-Stiftung sammelt in Belgien jährlich rund 18 Millionen Euro. Es gibt sogar „De-Veuster-Bier“. De Veuster war ein Allrounder in Sachen Mission: Priester, Mediziner, Baumeister, Manager und erfolgreicher Lobbyist in eigener Sache. Lange vor Mutter Teresa, Abbe Pierre und Papst Johannes Paul II. war er ein öffentlicher Christ im medialen Zeitgeschehen.
Wie eine Ikone findet sein Porträtfoto von 1889 weltweit Verbreitung. Kein schöner Anblick: Unter der breiten Krempe des Priesterhuts fixieren einen trübe Augen durch die Nickelbrille. Beulen haben das Gesicht oberhalb der Bartpartie aufgedunsen, De Veuster ist von der Lepra gezeichnet. Das Foto entsteht im Todesjahr des Missionars. Da spricht er schon längst von „wir Aussätzigen“.
Es ist diese bedingungslose Solidarität, die die Weltöffentlichkeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts fasziniert. Die New York Times und europäische Zeitungen berichten immer wieder über den Belgier, der auf der Leprainsel Molokai um das Leben der aussätzigen Einheimischen kämpft. Sogar sein Sterben wird dokumentiert: Der Arzt fotografiert den Pater am 11. April 1889 im Todeskampf. Die Fotos zeigen den vielleicht ersten Heiligen des Medienzeitalters.
Geboren wird De Veuster 1840 als siebtes von acht Kindern. Seine Eltern nennen ihn „Jef“, Josef. Das Geburtshaus kann man heute besichtigen. Es ist ein Museum, die alten Kniebänke mit dem eingeritzten Namenszug der Familie sind zu sehen und ganze Teile der alten Küchen-, Wohn- und Schlafzimmereinrichtung.
So auch die Terrinen, von denen De Veuster in seinen Briefen nach Belgien in Erinnerung an Familienfeste berichtet.
Aus Jef wird Damian, als er 1859 in die Leuvener Missionskongregation des Heiligsten Herzens eintritt. Er folgt seinem älteren Bruder Pamphilius ins Kloster. Schon früh macht sich Damian als Dickkopf einen Namen und zieht den Groll seiner Vorgesetzten auf sich. Nach Hawaii kommt der Seminarist, weil sein Bruder, der eigentlich für die Reise vorgesehen war, an Typhus erkrankt.
Nach 150 Tagen auf See landet De Veuster 1864 in Honolulu und wird bald zum Priester geweiht. In den ersten Jahren zieht er über die Inseln Hawaiis.
1873 erfährt er bei einer Kirchweihe auf Maui von den schlimmen Zuständen der Leprakolonie Molokai. Er will dort hin. Am 10. Mai 1873 landet er auf der durch hohe Klippen abgegrenzten Halbinsel, wo sonst nur Schiffe halten, um Menschen mit Lepra auszusetzen. Durch einen Journalisten der New York Times erfährt die Welt von seinem Vorhaben, und das Medieninteresse bleibt enorm.
Rund 700 Leprakranke fristen auf Molokai ihr Dasein, darunter 200 Katholiken. Anfangs spendet der Pater die Sakramente mit rauchender Pfeife – zu sehr verschafft ihm der Verwesungsgeruch des Aussatzes Übelkeit. De Veuster lässt Hütten errichten und baut ein Gemeinwesen auf, wo zuvor das Recht des Stärkeren galt. Durch Briefe hält er Kontakt zur Außenwelt und sammelt Spenden, indem er unermüdlich auf das Schicksal der Kranken von Molokai aufmerksam macht.
1884 kann er die Symptome nicht mehr leugnen: Er selbst hat sich mit Lepra infiziert. Den Fortschritt seiner Erkrankung dokumentiert er genau, erprobt Therapien an sich selbst. Ohne Erfolg. Die Schwermut, schon immer eine Begleiterin im aufbrausenden Gemüt des Paters, nimmt Überhand. Am Ende verweigert er jede Medizin und stirbt 1889, am Tag nach Palmsonntag.
In seinem Geburtshaus in Tremelo können die Besucher seinen Sarg anschauen. Der liegt in einem Gewölbe unter dem Raum, in dem De Veuster geboren wurde und wo seine Wiege stand. 1936 wurden seine Gebeine von Molokai ins belgische Löwen überführt. Im Mutterhaus seines Missionsordens wird er von zahlreichen Pilgern verehrt.
Nach Hawaii, wo die Verehrung De Veusters mindestens so groß ist wie in Belgien, kam zur Seligsprechung 1995 die rechte Hand des Paters als Reliquie zurück. Sie wurde in seinem einstigen Grab auf Molokai beerdigt.
Nun will Belgien noch eine weitere Fußreliquie für die Kathedrale von Honolulu spenden. Zur Ankunft im Februar wird eine große Feier erwartet. Damit hört das Wirken des Missions-Pioniers auch über 140 Jahre, nachdem er Hawaii betrat, nicht auf.







