Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Vor Gott bin ich klein – mit Gott groß!

Pfarrer Bernd Haase ist Leiter des Pastoralverbundes Hövelhof.

Nicht persönliche Leistung, sondern das Maß der Liebe und der Offenheit gegenüber der Gnade Gottes macht uns gerecht. Das stellt Pfarrer Bernd Haase in seinem Beitrag heraus. 

von Bernd Haase 

„Hüte dich vor den Vergleichen! Die Liebe vergleicht nicht, sie liebt“, so sagt es Abt Benedikt Lindemann aus Jerusalem in einer Ansprache anlässlich der Profess eines Mönches. Und er sagt weiter: „Nicht äußere Leistungen und Tätigkeiten sind entscheidend, sondern das Gott-Suchen.“ Zwei Gedanken, die helfen sollen, Jesu Definition von Gerechtigkeit zu verstehen. Jesus begleitet in seinem Beispiel zwei Männer zum Tempel hinauf; Männer, die aus damaliger Sicht unterschiedlicher nicht sein konnten: Einen Pharisäer, einen Frommen seiner Zeit; einer, der genau den Weg weiß, um vor Gott gerecht zu sein; und einen Zöllner, einen klassischen Sünder-Typen, der offensichtlich gegen Gottes Gebot lebt, sein eigenes Volk betrügt; einer, der weit weg davon ist, gerecht zu sein. 

Und Jesus lässt uns zuhören, wie beide beten. Der Pharisäer vergleicht: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin   …“ Selbstgerecht, stolz und lieblos stellt er fest, dass er nicht zu dieser Gruppe von Sündern gehört. Und er setzt sich ganz bewusst ab von diesem Zöllner dort, von „dem da“, von der Sorte Menschentyp, die ihn vor Gott in seinem Vergleich gut wegkommen lassen. Wenn Gott auch seine Leistungen bedenkt, das Fasten und den Zehnten für den Tempel, dann steht da ein Gerechter in Vollendung. Fast erweckt der Pharisäer den Eindruck, dass er Gott nicht mehr suchen muss, sondern dass er ihn längst gefunden hat. 

Der Zöllner tritt anders auf. Verschüchtert steht er ganz hinten, traut sich nicht nach vorn oder die Augen zu erheben und Gott anzuschauen. Er steht da wie ein Kind, dass seiner Mutter gestehen muss, dass es etwas Schlimmes angestellt hat und nicht weiß, wie es das bekennen soll. Keine Vergleiche, die entschuldigen könnten, keine religiöse Leistung, die er vorzuweisen hat; dieser Mann weiß, dass er Gott nichts zu bieten hat, außer vielleicht das Wissen um seine eigene Sündhaftigkeit und Unzulänglichkeit, die sich Bahn bricht in dem kleinen und zugleich auch großen Stoßgebet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ – Gott, lass mich nicht fallen, ich schaffe es nicht aus eigener Kraft, gerecht zu sein; Gott, in deine Hände lege ich mein Leben und bleibe auf der Suche nach dir. Und vielleicht streckt er zu diesem Gebet seine leeren Hände aus. 

Beide kehren nach Hause zurück, der Zöllner als Gerechter, der Pharisäer nicht.

Dabei geht es Jesus nicht darum, die religiösen Bemühungen des Pharisäers abzuwerten oder das sündhafte Leben des Zöllners zu loben. Es geht nicht so sehr um Sünder und Nicht-Sünder. Es geht um die Liebe und das Gott-Suchen – und es geht um die Aussage der Hände! Der Pharisäer tritt mit vollen Händen vor Gott hin, Hände voller Leistungen und religiöser Tätigkeiten – er hat schon alles, er braucht nichts mehr – auch nicht von Gott. Der Zöllner hat nichts als seine leeren Hände, er hat nichts vorzuweisen als das Wissen, das er als Suchender der Gnade bedarf. Aber gerade deswegen sind seine Hände offen und leer, er braucht alles – besonders von Gott. Er bringt seine Liebe zu Gott und seine Offenheit, sich von Gott beschenken zu lassen. Er lässt Gott alle Möglichkeiten, aus einem Sünder  noch einen Gerechten zu machen. 

Wie beten es unsere Kommunionkinder in den Weggottesdiensten bei der Kniebeuge: „Vor Gott bin ich klein“, und beim Aufstehen: „Mit Gott bin ich groß“. Das ist die Gerechtigkeit Jesu: „Vertrau’ nicht darauf, aus eigener Kraft und Leistung „groß“ zu sein, vertrau’ darauf, dass du  – „klein“ wie du dich vielleicht fühlst – mit mir und durch mich „groß“ bist!

 

 


24.05.2012
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