Gedanken zum Evangelium
Was steht mir eigentlich zu?
In dem weit verbreiteten Anspruchsdenken sieht Frau Dr. Annegret Meyer eine Ursache für den Mangel an Dankbarkeit gegenüber Gott.
von Dr. Annegret Meyer
Die Texte des 28. Sonntags im Jahreskreis fordern unseren Sinn für anständiges Verhalten heraus. Da ist in der ersten Lesung die Rede von Israels Propheten Elischa, der uneigennützig den Feldherrn des Königs von Aram, Naaman, vom Aussatz befreit und die Dankesgaben des Geheilten allesamt ablehnt: Ihm geht es offensichtlich nur um „Gottes Lohn“. Elischas Knecht Gehasi ist pragmatischer; er erbittet vom fremden Feldherrn doch ein paar der angebotenen Geschenke – und wird dafür von seinem Herrn gescholten.
Im Evangelium dann trifft uns bei fast gleicher Ausgangslage die umgekehrte Haltung: Wieder geht es um die wundersame Befreiung vom Aussatz. Jesus heilt auf Zuruf gleich zehn Aussätzige, aber nur einer, der auch noch Ausländer ist, kommt zurück und bedankt sich.
Nach unserer Logik vom Geben und Nehmen wissen wir, auf wessen Seite wir in den beiden Texten stehen. „Gibst du mir was, dann gebe ich dir was“ – Ist es da nicht recht und billig, Dankgeschenke anzunehmen? Ein bisschen können wir uns in Gehasi hineinversetzen.
„Wenn du etwas bekommst, musst du dich auch bedanken und eine Gegenleistung dafür bringen.“ Deshalb empören wir uns mit Jesus über die neun undankbaren Geheilten im Evangelium. Der Ausgleichsgedanke schwingt dabei immer ein wenig mit. Man will schließlich niemandem etwas schuldig bleiben.
Die Texte des 28. Sonntags zeigen zweierlei: Erstens wird es mit dem anständigen Ausgleich nach Menschenart schwierig, wenn Gott ins Spiel kommt. Für kein Gold der Welt ist Gottes Heilkraft bezahlbar und einhandelbar, wie Elischa deutlich macht – und Naaman sehr wohl versteht. Einzig das ehrliche Gotteslob ist die dem Menschen angemessene Reaktion auf Gottes Wohltaten, siehe auch Jesus im anerkennenden Gespräch mit dem Samariter.
Zweitens aber scheint es Menschen zu geben, die bei allem Aufrechnen zwischen Geben und Nehmen auf ein anderes Ergebnis kommen als die anderen – wie ließe es sich sonst erklären, dass die neun Geheilten nicht zurückkommen? Sie zeigen krass die verbreitete Einstellung: „Das steht mir doch zu, wozu also danken?“
Wenn Kinder im Geschäft eine Süßigkeit erhalten oder von den Großeltern ein Extra-Geldstück zugesteckt bekommen, kommt auch nicht immer und automatisch das „Dankeschön“, so sehr Eltern es auch erwarten. Die höfliche Antwort muss vorgesagt und eintrainiert werden – aber damit nicht genug. Zuallererst muss die Wahrnehmung geschult werden: Das Kind erlebt sich in seinen ersten Monaten und Jahren – zusammen mit seinen Bezugspersonen – als Mittelpunkt der Welt. Dass seine Bedürfnisse gestillt werden, ist die selbstverständliche Annahme des Kindes, die sich im guten Fall auch verwirklicht. In dieser Weltsicht ist das Bonbon der Kassiererin für das Kind nur ein (weiteres) Zeichen der Zuneigung, bleibt im Rahmen der „Selbstverständlichkeit“. Das ist, wie gesagt, die kindliche Sicht der Dinge, die durch Vorbild und Erziehung erweitert werden muss, um die (schmerzhafte) Tatsache, dass niemandem die Welt zu Füßen liegt. Wer das spürt, kann dankbar werden. Wer aber auf Dauer so lebt, als sei er selbst der Nabel der Welt, empfindet alles Glück als verdient, alles Unglück als ungerechte Zumutung des Schicksals. Dank und Gotteslob haben in dieser Wahrnehmung der Wirklichkeit keinen Raum.
Wie steht es mit meiner Anspruchshaltung an das Leben? Was „steht mir eigentlich zu“? Bringe ich mein Lebensglück und -unglück mit Gott in Verbindung? Unter welchen (Lebens-)Umständen bin ich bereit zu glauben, dass es einen mächtigen Gott gibt?







