Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Marmor aus Carrara ist von rauer Schönheit und sanfter Eleganz

Weißes Gold für Päpste, Paläste und die Pietà

Durch Michelangelos Werke des Moses, der Pietà und des David wurde der „Statuario“, der König des Marmors, weltberühmt. Das „weiße Gold“ wird bevorzugt für Skulpturen  verwendet und seit Jahrhunderten nahe der norditalienischen Stadt Carrara abgebaut.

von Katharina Ebel (KNA) 

Eine feine Mehlschicht bedeckt die Schuhe des Meisters, während er durch den Staub der Marmorbrüche von Carrara läuft. Zwischen den großen Steinquadern wirken die Arbeiter um ihn herum wie Zwerge, die versuchen, mit Hammer und Meißel dem Berg ein weiteres Stück seines „weißen Goldes“ abzutrotzen. Monatelang streifte einst Michelangelo zwischen den tonnenschweren Steinquadern in den Marmorbrüchen von Carrara umher – auf der Suche nach dem perfekten Stein für seine Pietà.

Durch Michelangelos Werke des Moses, der Pietà und des David wurde der „Statuario“ weltberühmt. Der pure weiße Marmor wird bevorzugt für Skulpturen verwendet und seit Jahrhunderten in Carrara abgebaut. Straßenschilder, Brunnen, Skulpturen, Kirchen, Eingänge und Plätze: In Carrara sind die Straßen zwar nicht mit Geld gepflastert, dafür aber mit dem „weißen Gold“. Die Marmorfassaden des Doms, der historischen Paläste und Häuser erzählen vom alten Reichtum der norditalienischen Stadt unweit der Alpen.

Gefallen an dem edlen Gestein fanden schon die Herrscher des Römischen Reichs. Sie übertrumpften sich mit weißen, prächtigen Prestigebauten wie dem Augustusforum und der Trajansäule in Rom. Bevor sie allerdings in ihrem eigenen Reich fündig wurden, mussten die Römer auf griechischen Marmor aus Paros und Pentelikon zurückgreifen – ein qualitativ minderwertiger Marmor, grobkörniger und von geringerer Dichte. Natürlich spielte auch die Entfernung eine Rolle. Denn der Transport des schweren Gesteins stellte Architekten und Bauherren bis ins 20. Jahrhundert vor logistische Herausforderungen.

Ein LKW windet sich ächzend, mit tonnenschweren Quadern beladen, die engen Serpentinen von den Abbaustätten hinunter ins Tal von Carrara. Bei den schmalen Straßen kein zu unterschätzendes Unternehmen. Von Beginn an war der Transport des begehrten Steins ein gefährlicher Kraftakt. Um die Marmorblöcke von den Steinbrüchen hinunter ins Tal zu schaffen, bedienten sich die Bergarbeiter bis in die 1960er Jahre der Technik der sogenannten Lizzatura: Auf eingeseiften Holzbohlen, die sie immer wieder vorne unterlegten, schleifte man die Marmorblöcke talwärts hin zum Hafen – ein halsbrecherisches Unterfangen.

Obwohl viele Männer die Blöcke an Stahlseilen hielten, um das Tempo der Rutschpartie zu drosseln, wurden Arbeiter immer wieder durch eine unvorhergesehene Bewegung ihrer kolossalen Ladung eingeklemmt oder zerquetscht. Heute ist diese abenteuerliche Aktion in abgeschwächter Form eine Attraktion für Touristen, bei der sie die Mühsal dieser schweren Arbeit nachempfinden können.

Die apuanischen Abbaugebiete Frantiscritti, Torano und Collonata sind die größten weltweit. Hier sprengt, hämmert, klopft und wühlt der Mensch seit der Antike, um mehr als 50 verschiedene Arten und Qualitäten von Marmor zu gewinnen. Doch nur in Torano bekommt man den König des Marmors, den „Statuario“. Das reine Weiß und sein spezieller Glanz begeisterten schon Michelangelo.

1492 verbrachte der Meister persönlich neun Monate in den Steinbrüchen, auf der Suche nach den perfekten Quadern für seine Pieta. Später beaufsichtigte er den Abbau für die Fassade der San-Lorenzo-Kirche in Florenz, die der Medici-Papst Leo X. in Auftrag gegeben hatte. Michelangelo vertrat die Ansicht, die Figur müsse nur aus dem Stein befreit werden. Nachdem er dann den Richtigen gefunden hatte, soll er selbst die Steinblöcke geschnitten haben.

„Nur bei den Arbeitern soll der Perfektionist nicht besonders beliebt gewesen sein“, erzählt Bergmann Paolo. Der Bergarbeiter arbeitet in den Brüchen von Frantiscritti. Prominentenbesuch bekommt er allerdings selten. Am Rand des Steinbruchs stehend, dirigiert Paolo per Funkgerät einen an einem Kran hängenden Steinkoloss auf den Verladeplatz oberhalb der Abbruchkante. Wie ein großes Maul gähnt die Tiefe unter ihm. 1,5 Millionen Tonnen des begehrten Materials ringen die Arbeiter dem Berg jedes Jahr ab.

Die Nachfrage ist groß. Banken, Boutiquen, Moscheen, Hotels – alles soll im Weiß des Edelbaustoffs erstrahlen. Besonders in der arabischen Welt gilt Marmor nach wie als Zeichen von Wohlstand und Macht. Aber der Stein ist endlich, und der Einsatz von Maschinen führt zum Abbau von Arbeitskräften – und zum Raubbau an der Natur.

Früher wurde die Arbeit von 50 Männern erledigt, heute sind es lediglich zwölf. „Das ist ein Problem für unsere Region. Wir leben vom Bergbau“, meint Paolo nachdenklich. Carrara hat wenig verarbeitende Industrie. Der Rohstoff geht nach China, wird dort weiterverarbeitet und dann verkauft. So profitiert die Region wenig von der nach wie vor guten Nachfrage.

Ganz in der Nähe des Steinbruchs, gleich neben dem Marmormuseum, schleift Simone Zanaglia an einer modernen wellenförmigen Plastik aus feinstem „Statuario“. Er und seine Kollegen setzen den Entwurf eines Künstlers um. Machen die das sonst nicht selbst? Der Bildhauer lächelt: „Nicht einmal Michelangelo hat all seine Kunstwerke allein produziert.“ Zärtlich streicht Zanaglia über die geschliffene Oberfläche des Steins, die seiner Hand schmeichelt. „Der ,Statuario‘ ist für diese emotionale Art von Formen das einzig Wahre“, schwärmt er über den Stein.

Wie man derweil zum meisterlichen Marmorkünstler wird, das lernen die Absolventen der Akademie der schönen Künste in Carraras Altstadt. Studenten aus aller Welt besuchen die 1767 gegründete Bildhauerschule. Von der Atmosphäre der steinernen Stadt lassen sie sich zu Kunstwerken inspirieren. Denn hier vereint sich die Vergangenheit mit der Gegenwart. 

Aber findet man hier auch einen modernen Michelangelo? Der Professor runzelt die Stirn: „Schwer zu sagen“, antwortet er, „die Künstler heute wollen nicht mehr an klassischen Figuren arbeiten, insofern ist ein Vergleich schwierig.“ Fest steht: Die meisten Absolventen haben später keine Probleme, Arbeit zu finden.

Ein breiter Strahl dringt durch das alte Fabrikfenster und wirft sein Licht auf Lenins Konterfei. Feine Partikel tanzen in dem Lichtstrahl und sinken wie Millionen vor ihnen auf die dicke Staubschicht am Boden der riesigen Werkstatthalle. Der Blick gleitet beim Eintreten von der exakten Nachbildung der Pietà zu Göttern, Madonnen und Reiterstandbildern. Er bleibt an einer fünf Meter hohen Figur für Mussolini aus den 1940er Jahren hängen. Die marmorne Skulptur wurde nie abgeholt. Man fühlt sich in die Requisitenkammer eines großen Filmstudios versetzt.

In dieser Kulisse schleifen und meißeln die Mitarbeiter des ältesten Bildhauerstudios in Carrara an Auftragsproduktionen namhafter zeitgenössischer Künstler wie Calatrava, Pistoletto und Bourgeois. „Im 19. Jahrhundert, als mein Urgroßvater das Skulpturenatelier gründete, gab es 120 Studios in Carrara“, erzählt Enkelin Francesca Nicoli, die heute die Werkstätten leitet. Jetzt ist nur noch das Familienunternehmen der Nicolis übrig und so erfolgreich wie eh und je.

Auch der Vatikan ist nach wie vor Kunde, aber sein Bedarf hält sich in engen Grenzen. Aufträge bekannter Künstler überwiegen. Hier bekommt der Kunde den vollen Service. Nach der Philosophie von Urgroßvater Nicoli muss der Künstler beim „Finish“ dabei sein. Dafür ließ der Gründer extra die Casa Bodega gleich neben den Werkstätten bauen, in der die Kunden bis zur Fertigstellung ihres Werks wohnen und mit den Bildhauern ihre Werke zur Vollendung bringen können. „Mit 15 Jahren beginnen wir, unsere Leute auszubilden, mit 35 sind sie dann wahre Meister ihres Fachs“, berichtet Chefin Francesca. Vielleicht ist auch einmal ein neuer Michelangelo unter ihnen.

 

 


24.05.2012
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