Beim EULE-Projekt der Caritas unterrichten Schüler Erwachsene ab 55 Jahren
Wenn Senioren die Schulbank drücken
Paderborn. Die eine Zeitstunde im Computer-Raum des Ludwig-Erhard-Berufskollegs vergeht wie im Flug. Die Schülerinnen hinter den Bildschirmen sind wieder ein Stück schlauer geworden. Sie wissen längst was eine Maus ist. Und wie ein Einladungsschreiben für ihren Verein am PC geschrieben wird, haben sie auch schon drauf. Alle befinden sich im Ruhestand, haben viele Fragen und wollen noch mehr Antworten bekommen. Und die bekommen sie – von jungen Schülerinnen, die ihre Enkeltöchter sein könnten.
von Andreas Götte
Beim EULE-Projekt des Paderborner Caritasverbandes in Kooperation mit den weiterführenden Schulen werden Erwachsene ab 55 Jahre zu Schülern und umgekehrt Schüler zu Lehrern. EULE steht für „Erleben, Unterrichten, Lernen und Experimentieren“. Auf dem Stundenplan stehen neben Computer-Kursen für Anfänger und Fortgeschrittene auch Englisch, Geschichte oder die Bedienung eines Handys.
In Paderborn unterrichten bis zu den Sommerferien 17 Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse des Wirtschaftsgymnasiums in kleinen Schüler-Lehrer-Teams 22 Senioren. „Wir möchten die Generationen zusammenbringen. Beide Seiten sollen Spaß an der Arbeit haben“, sagt Mathe- und Physikfachlehrer Udo Hoischen. Das Projekt läuft zunächst probeweise, soll jedoch von den nachrückenden Zwölftklässlern im kommenden Schuljahr fortgesetzt werden.
Die Unterrichtsinhalte werden zumeist von den Senioren vorgegeben. Trotz des großen Altersunterschiedes geht es sehr entspannt zu. Die Schüler-Lehrer haben Geduld mit ihren erwachsenen Teilnehmern. Und die wissen bei einem Versprecher der Jugendlichen, dass keine ausgebildeten Pädagogen vor ihnen stehen.
So ist von einer Hemmschwelle schnell keine Rede mehr – im Gegenteil. „Beim gemeinsamen Kaffeetrinken sprechen wir auch über private Dinge. Manchmal wird uns auch das Du angeboten“, erzählt die 17-jährige Christel Aslan aus Dahl. Ihre ein Jahr ältere Mitschülerin Kathrin Sinemus erklärt unterdessen Gertrud Lippegaus das Anlegen eigener Dateien. Die 51-Jährige ist erst zum zweiten Mal dabei. „Meine Kinder haben mit mir nicht die Geduld“, sagt die Borchenerin. Und ohne PC-Kenntnisse gehe heute fast nichts mehr, meint sie. Ihre junge Lehrerin aus Fürstenberg ist ganz angetan von den Teilnehmerinnen. „Sie lernen alle sehr schnell und sind echt fit. Ich hätte gedacht, dass es etwas langsamer gehen würde“, sagt die 18-Jährige. Mit großer Ruhe und einem Lächeln im Gesicht vermittelt sie ihre Kenntnisse.
Im Fortgeschrittenen-Kursus büffeln unterdessen ein paar Vorruheständler „Excel“ am PC. Ursula Schmücker lässt sich gerade etwas von Schüler-Lehrer Stephan Göhrmann erklären. Die 59-Jährige nutzte den Computer bisher nur zum Schreiben und Spielen. „Vom Internet hatte ich gar keine Ahnung. Die kleinen Lerngruppen machen mir hier richtig Spaß“, sagt die frühere Verwaltungsangestellte.
Auch der Caritasverband hat bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Seit rund einem Jahr gibt es das bundesweite EULE-Projekt bereits an der Berufskolleg-Außenstelle in Büren. Koordinator Karsten Hentschel begleitet die Tätigkeit der Ehrenamtlichen. Die Idee dazu stammt von Weihbischof Manfred Grothe. Während die Senioren E-Mails an ihre Enkelkinder schreiben können und wissen, was eine Maus ist, lernen die Schüler-Lehrer auch eine Menge Verantwortung. „Ich hatte erst ein bisschen Lampenfieber, aber jetzt fühle ich mich richtig erwachsen“, sagt Vanessa Göke aus Altenbeken. Wenn einer der Mitschüler mal krank werde, müsse beispielsweise ganz schnell ein Ersatz gefunden werden. Und ihre Kollegin Stefanie Born findet es einfach schön, dass Wissen an andere Menschen weitergeben zu können. Die 18-jährige Salzkottenerin kann sich deshalb gut vorstellen, später Lehrerin zu werden. Wie ihre Mitschüler auch, bekommt sie am Schuljahresende ein entsprechendes Zertifikat überreicht. „So etwas macht sich bei Bewerbungen immer gut“, sagt Lehrer Udo Hoischen, dem ein vergleichbares Angebot in der Region nicht bekannt ist.
Wenn es nach ihm geht, soll das Projekt noch weitere Kreise ziehen. Er denkt dabei an eine Zusammenarbeit mit Prof. Peter Schneider, der an der Universität das Studium für Ältere anbietet. So könnten die Studenten über die EULE eine wissenschaftliche Arbeit schreiben. Im Gegenzug stellen seine Schüler im Hörsaal das ehrenamtliche Projekt vor.







