Gedanken zum Evangelium
Wenn alles so klar wäre
Jesus will sich von der einfachen Gut-Böse-Schablone distanzieren. So interpretiert Propst Achim Funder aus Arnsberg das bekannte Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen.
Der Herr hätte seine Knechte ja auch erst einmal loben können. Sie machen ihn darauf aufmerksam, dass dort, wo er guten Weizen gesät hat, mittendrin auch Unkraut wächst. Das Gleichnis betont sogar, dass dieses Unkraut in übler Absicht von einem Feind des Herrn gestreut wurde. Da versucht jemand, das, was an Gutem begonnen wurde, zu sabotieren: aus Neid, um des eigenen Vorteils oder Ansehens willen oder einfach nur, weil jemand nicht mit ansehen kann, dass da ausgerechnet beim Nachbarn Gutes wächst. Die Knechte wollen das Unkraut ausreißen, damit auf dem Acker nichts als der gute Weizen steht.
Die Antwort des Herrn ist schlichte Bauernweisheit. Dieses Unkraut hat seine Wurzeln und die sind so mit dem Weizen verschlungen, dass man den Weizen mit ausreißen würde, wollte man das Unkraut jetzt entfernen.
Die Übertragung dieser Erfahrung auf andere Lebensbereiche birgt aber den eigentlichen Sprengstoff. Denn Jesus macht nichts anderes als sich von einer einfachen Gut-Böse-Schablone zu distanzieren. Dem Vorschlag, reinen Tisch zu machen, setzt er das Bedenken entgegen, wie viel Gutes damit gleichzeitig zerstört wird. Das Ergebnis einer effektiven Vernichtung des Unkrauts ist der blanke, tote Ackerboden.
Der übereifrige Wunsch, das Unkraut auszujäten, ist der Versuch des Menschen, das Böse aus sich auszugrenzen und sich gegenüberzustellen. Weil es mir bei mir selbst nicht gelingt, klar zu unterscheiden, was gut und was böse ist, möchte ich wenigstens bei den anderen keine Zweideutigkeiten lassen. Die Mitmenschen sehe ich mit Distanz, und mit Distanz sieht sich bekannterweise klarer. Aber gerade die Unklarheit bei mir selbst sollte mich vorsichtig machen, bei anderen – in der Kirche (die anderen! die Progressiven! die Konservativen!), in der Gesellschaft (die Verbrecher! die Medien! die Linken! die Rechten!), in der internationalen Politik (die Chinesen! Die Amerikaner! die Fundamentalisten!) oder wo auch immer – zu meinen, es ließe sich alles so klar unterscheiden, um das Böse zu konzentrieren, dafür Lager zu bauen und dann gewissenhaft auszusondern.
Der Machtlosigkeit des Menschen entspricht das hektische Bemühen um Ordnung. Je weniger man tatsächlich ausrichten kann, desto wilder wird mit allen möglichen Maßnahmen gedroht. Das Zuwarten des Herrn, die Geduld Gottes aber ist genau das Gegenteil. Denn der Macht Gottes entspricht die souveräne Fähigkeit abzuwarten. Gott ist der Herr der Welt und kann und wird richten. Aber in der Zeit erweist sich Gott als zuwartend, dem anderen gönnend, liebend. Die Ohnmacht der geduldigen Liebe erweist sich so als mächtiger.
Propst Dr. Achim Funder,
Klosterstr. 20. 59821 Arnsberg







