Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie es gelingen kann, wachsam zu sein

Wenn der Tod unerwartet kommt

Wenn es klingelt und plötzlich eine schlechte Nachricht zu überbringen ist: Alltag der Notfallseelsorge.Foto: panthermedia

Der Advent ist die Zeit der Kerzen, der heimeligen Weihnachtsmärkte, die Zeit von Glühwein, Keks und erwartungsfrohen Kindern. Die liturgischen Texte sehen das anders. Sie mahnen daran zu denken: Die menschliche Zeit auf der Erde ist begrenzt. Der Herr wird wiederkommen. Zu allen und zu jedem einzelnen im Moment seines Todes. Deshalb gilt es, wachsam zu sein.

von Susanne Haverkamp

„Wenn wir klingeln, merken die Leute sofort, dass etwas Schlimmes passiert ist“, sagt Anja Egbers. Klar, denn Polizei und Notfallseelsorgerin stehen nicht ohne Grund vor der Tür. Manchmal um Mitternacht, manchmal am Morgen. „Man spürt, wie es bei den Leuten im Kopf arbeitet: Wer fehlt im Haus? Wem kann was passiert sein?“ Und dann kommt die Frage: „Ist was mit …?“ Zwischen Tür und Angel wird diese Frage nie beantwortet. „Wir warten mit dem Überbringen einer Todesnachricht immer, bis wir in der Küche oder im Wohnzimmer sitzen. Dann haben die Menschen einen Moment lang Zeit, sich zu wappnen und ihre inneren Schutzschilde hochzufahren.“ Aber dann bricht meist eine Welt für sie zusammen. Von jetzt auf gleich ist alles anders. „Ein totaler Ausnahmezustand.“
Anja Egbers arbeitet seit acht Jahren mit in der ökumenischen Notfallseelsorge in Bremen. Etwa 24 Tage im Jahr hat sie den „Pieper“ und kann jederzeit von Polizei oder Feuerwehr alarmiert werden. „Und das passiert oft“, sagt die katholische Pastoralreferentin. Meist bei plötzlichen Todesfällen zu Hause oder am Arbeitsplatz oder bei Unfällen. Gemeinsam mit der Polizei suchen die Seelsorger dann die Angehörigen auf, denn das Überbringen einer Todesnachricht ist, wie es heißt, hoheitliche Aufgabe. „Wenn die Polizei wieder geht, bieten wir den Familien an, bei ihnen zu bleiben und bei den nächsten Schritten zu helfen.“ Viele nehmen das Angebot dankbar an, denn sie sind schlicht überfordert damit, dass der Tod so plötzlich kommt. Psychisch überfordert, aber auch rein praktisch.
„Die meisten Menschen sind nicht mehr wachsam, was den Tod betrifft“, meint Anja Egbers. Im Gegenteil: „Der Tod wird bei gesunden Menschen als Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen.“ Wenn der Herr deshalb „um Mitternacht“ oder „beim Hahnenschrei“ kommt, ist nichts vorbereitet. „Früher wussten die Leute, was zu machen ist, wenn einer stirbt; heute ist das weitgehend unbekannt.“ Deshalb hilft die Notfall-Seelsorgerin bei ganz praktischen Schritten, wenn etwa ein zweiter Arzt den Tod feststellen oder ein Bestatter geholt werden muss. Über all die Fragen, die dann bald kommen, also Sarg, Totenkleidung, Beerdigung, Sterbekasse, Versicherungen, haben sich viele nie Gedanken gemacht. „Das belastet doppelt“, sagt Anja Egbers. Nicht nur der Schock, dass ein geliebter Mensch gestorben ist, sondern auch noch die vielen Entscheidungen, die oft schnell getroffen werden müssen. „Stets wachsam“ zu sein, ist deshalb für die Theologin schon eine Frage der Klugheit. „Es entlastet unwahrscheinlich, wenn man in eine Familie kommt, die für die praktischen Fragen nur noch einen Ordner heraus ziehen muss.“ Gerade in Schocksituationen ist das eine große Hilfe.
Und doch sorgen die wenigsten Leute vor und „bleiben wach“, wie Jesus im Evangelium empfiehlt. „Dazu müsste man rechtzeitig mit seinen Angehörigen oder auch mit einem Freund oder einer Freundin darüber reden, was im Falle eines Falles passiert“, sagt Anja Egbers. Was wird beispielsweise mit Kindern, wenn die Eltern bei einem Unfall gemeinsam ums Leben kommen? „Ich würde Eltern immer raten, dafür Vorsorge zu treffen, auch juristisch.“ Doch gerade davor scheuen viele Menschen zurück. „Dann muss ich mich ja damit auseinandersetzen, dass ich einmal nicht mehr bin. Das tut niemand gern.“ Außerdem gebe es in dieser Frage Urängste, nach dem Motto: „Beschrei es nicht!“ Deshalb „verschlafen“ viele eine der wichtigsten Fragen im Leben: die nach dem Ende. „Es ist nun mal so: Ich gehe aus dem Haus, sage ‚Bis nachher!‘, aber es kann sein, dass es kein Nachher gibt.“
Für die Theologin heißt das nicht, in Panik zu leben, sondern gut vorbereitet zu sein. Äußerlich, aber auch innerlich. „Eine der großen Ängste ist: Man hat sich gestritten, geht auseinander, einem passiert etwas und der andere wird nicht damit fertig, sich nicht mehr versöhnen zu können“, schildert Anja Egbers. Stets bereit zu sein dafür, dass der Herr kommt, bedeutet deshalb auch eine bestimmte Lebensweise. Dazu gehört Versöhnung genauso wie der Umgang mit eigenen Lebens­träumen. „Man sollte eben nicht immer alles auf später verschieben.“ Auch nicht die Beziehung zu Gott, das Gebet, den Meditationskurs oder das Engagement in der Gemeinde. „Später, wenn ich mehr Zeit habe …“, heißt es oft. Aber wenn es kein „Später“ gibt? So zu leben, dass der Herr jederzeit kommen könnte, heißt im Hier und Jetzt zu leben, meint Anja Egbers und: „Es beruhigt und erhöht die Lebensqualität.“
Wenn man Menschen fragt, wie sie sterben möchten, antworten viele: „Egal, Hauptsache schnell!“ Die Notfallseelsorgerin aus Bremen versteht das nicht. Sie kennt auch die andere Seite, das oft langsame Sterben im Hospiz. Und sie erlebt, wie dankbar die Betroffenen dafür sind, sich vorbereiten zu dürfen: auf den eigenen Tod oder auf den eines geliebten Menschen. Wer so Abschied nehmen kann, sich versöhnen kann, auf sein Leben versöhnt zurückblicken kann, stirbt oft leichter. Gerade das zeigt: Das Evangelium des ersten Advent ist sehr lebensnah. Es will helfen, das letzte Abenteuer des Lebens gut zu bestehen. Und wer Abenteuerreisen mag, der weiß: Man sollte gut vorbereitet und wachsam sein, wenn man sie beginnt.


24.05.2012
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