Gedanken zum Evangelium
Wer bin ich?
„Wer bin ich?“ Diese Frage ist nicht nur in einem beliebten Quiz mit Robert Lemke gestellt worden, sondern sie stellt sich für jeden Menschen im Laufe seines Lebens neu. Und die Antwort darauf können uns nur andere geben, versichert Pfarrer Ludger Vornholz aus Wenden.
Wer bin ich? Warum handle ich so und nicht anders? Was macht mich besonders gegenüber den anderen Menschen? Welchen Sinn hat mein Leben? Auf diese Fragen findet jeder durch Nachdenken zunächst seine eigene Antwort. Die so gefundene Antwort bestimmt sein Selbstbild und auch sein Handeln. Der Mensch strebt danach die Antwort nach seiner Identität möglichst vollständig und wirklichkeitsnah zu erhalten. Bei diesem Prozess der Selbstfindung ist die Meinung der Mitmenschen wichtig. Mitmenschen haben eine Außen-Sicht auf die betreffende Person. Diese Fremdperspektive hilft dem fragenden Menschen neue Informationen über sich zu erhalten. Mit Hilfe der Meinung der Anderen bekommt der Mensch eine realistischere Sicht auf sich selbst und damit eine umfassendere Antwort auf die von ihm gestellten Fragen nach seinem Leben.
Jesus hat offensichtlich die Frage nach seiner Identität ebenso beschäftigt wie jeden von uns.Darum fragt er seine Jünger: „Für wen halten die Menschen mich?“ und er erhält die verschiedensten Antworten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.“ Sie scheinen Jesus nicht zu genügen und so fragt er tiefer und persönlicher: „Ihr aber für wen haltet ihr mich?“ Die Antwort, die Petrus ihm gibt, scheint Jesus ins innerste getroffen zu haben: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Diese Aussage deckt sich offensichtlich mit seinen eigenen Vermutungen und er gibt Petrus zu verstehen, dass er diese Erkenntnis nicht aus sich, sondern vom Vater im Himmel haben muss. Jesus offenbart ihm daraufhin den Sinn seiner Existenz: „Du bist Petrus und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen …“
Das Gespräch zwischen Jesus und Petrus gibt uns meiner Meinung nach zweierlei Hinweise für unser Leben: Zunächst eine allgemein menschliche Wahrheit: Die vollständige Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“, bekomme ich erst im Austausch mit meinen Mitmenschen. Erst im Gespräch mit den anderen Menschen erfahre ich Dinge über mich, die ich selbst vielleicht ahne, aber mir nicht eingestehen will. Es können auch Eigenschaften und Fähigkeiten von anderen erkannt werden, die ich nie an mir vermutet habe. Der Dialog mit den Mitmenschen gehört zur Identitätsfindung des Menschen notwendig dazu.
Die Antwort Petri auf die Frage Jesu gibt zum Zweiten einen Hinweis auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ Wenn Jesus der ewige Sohn des Vaters Mensch geworden ist, ist dies eine außerordentliche Wertschätzung Gottes für das ganze Menschengeschlecht. Die Menschwerdung Gottes offenbart, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist. Der Mensch besitzt darum eine unantastbare Würde. Der Mensch darf darum niemals als Mittel gebraucht, sondern immer nur um seiner selbst willen geliebt werden.
Das Amt des Petrus lebt weiter im Papsttum der Kirche. Die Kirche hält die Antwort auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ durch alle Jahrhunderte für die Suchenden bereit. Die Kirche ruft den Generationen zu: „Mensch, bedenke deine unveräußerliche Würde, die in der Gottesebenbildlichkeit seinen Ursprung hat!“
Gerade in der heutigen Zeit, die durch hohen technischen und medizinischen Fortschritt in der Lage ist, bis an die Wurzel des Menschseins Veränderungen vorzunehmen, ist es wichtig, die Unverfügbarkeit des Menschen anzumahnen. Es ist dem Menschen zum Schaden, wenn er als embryonale Stammzelle zu noch so gut gemeinten Zwecken getötet wird. Der Mensch schadet sich selbst, wenn er das Leben seiner Nachkommen im Mutterschoß für seine Interessen verfügbar macht. Die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens geht bis zu seinem Ende: „Eine Handlung oder eine Unterlassung, die von sich aus oder der Absicht nach den Tod herbeiführt, um dem Schmerz ein Ende zu machen, ist ein Mord, ein schweres Vergehen gegen die Menschenwürde und gegen die Achtung, die man dem lebendigen Gott, dem Schöpfer schuldet.“(KKK, 2277) Die Antwort auf die Frage Jesu: „Für wen haltet ihr mich?“ hat weitreichende Konsequenzen für das menschliche Leben. Es lohnt sich darüber nachzudenken!
Pfarrer Ludger Vornholz,
Leiter des Pastoralverbundes
Biggetal, Pfarrer-Beule-Str. 3, 57482 Wenden







