Kommentar
Wer pflegt, fliegt raus?
von Andreas Wiedenhaus
Die Bereitschaft, sich um kranke oder alte Angehörige zu kümmern, geht in Deutschland zurück: So lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie, die gerade in Berlin veröffentlicht wurde. Demnach würde nur noch jeder fünfte Bundesbürger ein Familienmitglied rund um die Uhr pflegen. Das waren vor fünf Jahren noch rund doppelt so viele.
Dieser Rückgang mag im ersten Moment erschreckend wirken, ist aber durchaus erklärbar. Und hat kaum etwas mit sittlich-moralischem Verfall oder abnehmendem Verantwortungsbewusstsein der eigenen Familie gegenüber zu tun.
Die rückläufigen Zahlen sind wohl eher den Realitäten der deutschen Arbeitswelt geschuldet: Wer versucht, Beruf und Pflege miteinander in Einklang zu bringen, gerät schnell an die Grenzen dessen, was mit den Ansprüchen und Erwartungen des Arbeitgebers vereinbar ist. Denn laut der Studie ist unter den Beschäftigten in der Privatwirtschaft die Bereitschaft besonders stark zurückgegangen.
Ob ein von Experten befürworteter Vorstoß des Gesetzgebers in diesem Zusammenhang wirklich Abhilfe schaffen würde, mag allerdings bezweifelt werden.
Das zurzeit diskutierte Modell einer „Pflegeauszeit“ für Berufstätige klingt im ersten Moment nicht schlecht. Es soll Arbeitnehmern die Möglichkeit geben, Beruf und Pflege besser unter einen Hut zubringen.
Doch welcher Beschäftigte in der Privatwirtschaft wagt so etwas heutzutage angesichts immer unsicherer Arbeitsplätze wirklich durchzusetzen? Im Zweifelsfall „hält er den Ball lieber flach“. Was legal ist, kommt beim Chef nämlich trotzdem nicht immer gut an.






