Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Willkommen im Leben!

Die Begegnung mit Jesus holt ins Leben zurück. So deutet Dr. Annegret Meyer, in Lichtenau bei Paderborn wohnende Theologin, das Evangelium von der Heilung eines Aussätzigen.

von Dr. Annegret Meyer

Gleich in seinem ersten Kapitel macht der Evangelist Markus klar, wie durchschlagend und erfolgreich das Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes ist. Ohne große Vorrede beginnt bereits nach 14 Versen das öffentliche Auftreten Jesu mit der zentralen Botschaft: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15).
Die nachfolgenden Episoden – die Evangelien der letzten Wochen also – mit Jüngerberufung, Predigt in der Synagoge von Kafarnaum, der Heilung der Schwiegermutter des Petrus, Dämonenaustreibungen malen diese zentrale Botschaft aus. Da reiht sich auch unser Evangelium ein.
Was für eine Szene! Jesus hat sich durch seine ersten spektakulären Auftritte in Galiläa offenbar schon einen durchschlagenden Ruf erworben, sodass der Aussätzige ihn mit klaren Vorstellungen aufsucht: Er wirft sich vor dem neuen Wanderprediger auf die Knie, so wie vor einer politischen oder religiösen Führungspersönlichkeit, und formuliert ohne Umschweife: „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.“
Wie muss dieser Jesus auf seine Umwelt gewirkt haben, damit Menschen ihm mit solcher Gewissheit und solchem Vertrauen begegnen konnten? Ein Evangelium ist keine Reportage, es liefert keine Live-Mitschnitte von Gesprächen zwischen Jesus und seinen Mitmenschen. Aber der Evangelist Markus bringt in seinen knappen Episoden auf den Punkt, was von den Augenzeugen als Quintessenz, als springenden Punkt ihrer Jesus­erfahrung überliefert wurde:
„Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.“ – der Aussätzige traut sein Heil einzig dem Willen Jesu zu. Der Unheilbare setzt alles auf eine Karte – und er hat Recht: „Jesus hatte Mitleid mit ihm“, er lässt sich berühren, berührt seinerseits den Aussätzigen und spricht das entscheidende Wort: „Ich will es – werde rein.“ (Mk 1,41,42).
Da tritt die ganze göttliche Souveränität Jesu zutage; kundige Bibelleser und -leserinnen erinnern sich an den Gott Israels höchstpersönlich, der durch sein bloßes Wort die Weltwirklichkeit erschafft.
Doch diese Souveränität ist gefährlich; ein Eingriff in die natürliche Ordnung der Schöpfung durch einen Menschen macht genau diesen Menschen verdächtig. Woher rührt die Wunderkraft? Ist sie gut oder böse? Der Evangelist Markus inszeniert die spannungsvolle Anfrage an Jesus von Beginn des Evangeliums an – sie ist letztlich der entscheidende Faktor, mit dem Jesu Kreuzweg entschieden wird. In den ersten Kapiteln des Evangeliums ist es stets Jesus selbst, der verhindern will, dass sein Ruf als Wundertäter sich verbreitet. Jesus will etwaigen Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen: „Das soll für sie ein Beweis meiner Gesetzestreue sein.“ (Mk 1,44) Damit verortet der Evangelist die Wirkmächtigkeit Jesu eindeutig innerhalb des jüdischen Glaubens: Jesus sprengt ihn nicht, sondern erfüllt ihn!
Und insofern geht es Markus nicht um das spektakuläre Wunder an sich, sondern darum, was die Begegnung mit Jesus für Menschen ganz konkret bedeuten kann. Aussatz bedeutet, aus der menschlichen Gemeinschaft radikal herauszufallen, der körperliche Makel entspricht moralischem Urteil: „Du bist unrein – also weniger wert.“
Diese Krankheit ist inzwischen in vielen Gebieten der Erde besiegt, der Begriff der „Unreinheit“ ist in unserem Sprachgebrauch großenteils in die Werbung abgewandert. Trotzdem erleben sich auch bei uns Menschen gnadenlos ausgeschlossen, denen die Heilung des Aussätzigen heute sagen will: „Die Begegnung mit Jesus führt zurück ins Leben! Du bist (wieder) wer! Willkommen zurück!“


24.05.2012
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