Aktuelle Ausgabe
2012-20

Michaela Pilters leitet die katholische Redaktion „Kirche und Leben“ beim ZDF

„Wir machen Angebote, entscheiden muss der Zuschauer“

Michaela Pilters wurde 1952 im schwäbischen Krumbach geboren. Nach einem Studium der Theologie und Germanistik abolvierte sie ein Volontariat und arbeitete zunächst bei der Katholischen Nachrichtenagentur und beim Hessischen Rundfunk. Seit 1985 leitet sie die katholische Redaktion „Kirche und Leben“ beim ZDF.

Wenn es um „Kirche im Fernsehen“ geht, fällt vielen Zuschauern die Gottesdienstübertragung am Sonntag ein. Doch die Bandbreite der kirchlichen Sendungen ist wesentlich breiter. In ihrem Gastbeitrag beschreibt Michaela Pilters die Vielfalt im ZDF. Sie leitet dort die katholische Redaktion „Kirche und Leben“.

von Michaela Pilters

Auszüge aus dem Zuschauerprotokoll des ZDF: „Warum hat das ZDF nicht ausführlicher über die Papstreise berichtet?“ Und im selben Protokoll die Kritik: „Warum wird im evangelischen Deutschland ständig über den Papst berichtet?“
Zwei aktuelle Meinungen, die das Spannungsfeld unserer Arbeit klar umreißen: das Wir senden für ein gemischtes Publikum. Das Fernsehen kann dem Zuschauer nur Angebote machen, aber immer entscheidet der Zuschauer selbst, ob er sich für eine Sendung interessiert oder nicht. Für uns Macher geht es darum, durch gute Qualität und interessante Gestaltung möglichst viele Menschen zu gewinnen, Anknüpfungspunkte zu finden, um sie im Programm zu halten. Und wir haben dafür als Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders einen Programmauftrag.
Genauer gesagt sind wir zwei Redaktionen: „Kirche und Leben / kath.“ und „Kirche und Leben / ev.“, ein Ausdruck dafür, dass bei der Gründung des ZDF beide christlichen Kirchen in gleicher Weise berücksichtigt werden sollten. Im Rundfunkstaatsvertrag liest sich das so: „Den Evangelischen Kirchen, der Katholischen Kirche und den Jüdischen Gemeinden sind auf Wunsch angemessene Sendezeiten für die Übertragung gottesdienstlicher Handlungen und Feierlichkeiten sowie sonstiger religiöser Sendungen, auch solcher über Fragen ihrer öffentlichen Verantwortung, zu gewähren.“ Diesen Anspruch des Rundfunkstaatsvertrages erfüllen unsere sonntäglichen Gottesdienstübertragungen, die wir in der Regel im Wechsel zwischen der evangelischen Redaktion und der katholischen Redaktion, betreuen. Wir können uns dabei auf die hervorragende Zuarbeit unserer kirchlichen Partner verlassen, der evangelischen und katholischen Fernseharbeit, die die Gemeinden auswählen und bei der Konzeption der Gottesdienste beraten. Einmal im Jahr senden wir einen orthodoxen Gottesdienst, seit zwei Jahren gibt es für die Muslime und alle am Islam interessierten Zuschauer das „Forum am Freitag“, das von unseren beiden Redaktionen, die durch muslimische Journalisten verstärkt wurden, gemeinsam gestaltet wird.
Auch bei unseren redaktionell verantworteten Sendungen arbeiten wir eng zusammen. So ist das Magazin „sonntags – TV fürs Leben“, das jeden Sonntag von 9.02 bis 9.30 Uhr vor dem Beginn des Gottesdienstes ausgestrahlt wird, ökumenisch verantwortet. Neben aktuellen Themen aus Religion und Gesellschaft geht es hier um Werte und Ethik, um Themen, die am Sonntagmorgen einen Impuls für die Woche geben können. Die Palette reicht vom Streit um den Religionsunterricht bis hin zu Menschen, die Ideen für eine bessere Zukunft haben, von Patchworkfamilien bis hin zu den Pius-Brüdern. Aus Umfragen und Zuschauertests wissen wir, dass nicht Institutionen und Strukturen unsere Zuschauer interessieren, wohl aber der „Gebrauchswert“ einer Religion. Wie hilft sie mir, mit meinen Problemen fertig zu werden, den Alltag zu bewältigen? Um Antworten auf diese Fragen zu geben, braucht man vor allem Menschen, die glaubwürdig etwas tun und die bereit sind, über ihre Erfahrungen und ihren Glauben zu sprechen.
Menschengeschichten erzählt auch unsere Sendereihe 37°, die jeweils dienstags um 22.15 Uhr ausgestrahlt wird, und für die noch eine dritte Redaktion, nämlich „Geschichte und Gesellschaft“, verantwortlich ist. Auch wenn in dieser Sendung Religion in der Regel nicht thematisiert wird, so geht es doch immer um ein sinnvolles und gelungenes Leben, um Fragen von Partnerschaft und Beruf, um Leben mit Behinderungen und um Beziehungen zwischen den Generationen. Dass wir unseren Protagonisten auch in schwierigsten Bedingungen ihre Würde lassen   und dass die erzählten Schicksale immer auch Hoffnung machen, hat die Reihe in den nunmehr fast 15 Jahren ihres Bestehens immer beliebter gemacht. Die Freude am Erfolg dieser Reihe tröstet uns ein wenig darüber hinweg, dass wir für klassische Kirchenthemen keine Dokumentationsplätze mehr haben, lediglich an den kirchlichen Feiertagen.
Aber Religion findet im ZDF nicht nur in den Sendungen unserer Redaktionen statt, sondern wird auch in der aktuellen Berichterstattung, in den Talkshows und diversen Magazinen bis hin zu Vor­abendserien und Krimis aufgegriffen. Als Fachredaktion bieten wir unsere Beratung an und versuchen, interessante Vorschläge an sie weiterzuleiten. Die Bandbreite unserer Arbeit spiegelt sich daher in unserem Redaktionsnamen „Kirche und Leben“ hervorragend wider.


24.05.2012
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