Aktuelle Ausgabe
2012-20

Matthias Matussek und sein „katholisches Abenteuer“

Wir sind etwas Besonderes

Äußerlich wirkt er immer noch wie ein klassischer „68-er“, in seinen Thesen nicht: Matthias Matussek. Foto: Kunz

Siegen. Schon beim Hereinkommen in den Saal brandet der Beifall auf. Matthias Matussek mag in vielen Internet-Foren für sein neues Buch angefeindet werden, oft gar aus den eigenen Reihen, in Weidenau findet er von Anfang an offene Ohren. Auf Einladung der Katholischen Hochschulgemeinde, des Katholischen Bildungswerk im Kreis Siegen-Wittgenstein und einer Buchhandlung las der Journalist und Autor rund 90 Minuten aus: „Das katholische Abenteuer – Eine Provokation“ und nahm sich hinterher noch Zeit für eine Diskussion. 

von Michael Kunz 

Dabei wird schnell deutlich, provoziert fühlt sich im Pfarrsaal St. Joseph praktisch keiner der Zuhörer. Vor ihnen am Tisch sitzt einer, der mit 16 das Haus seiner katholischen Eltern mit einer Mao-Kommune vertauschte, später „allen Haschisch dieser Welt durch meine Lungen zog“ und schließlich, als er „ganz furchtbar auf die Schnauze gefallen war“, zum predigenden Vater und zu seinem Kinderglauben zurückfand.

Der sei „manchmal verschüttet“ gewesen, aber doch ein unversiegbares „Reservoir wie ein unterirdischer Bergsee“ geblieben. Und genau diesen Glauben trägt der Autor jetzt wie ein Laienprediger in die Öffentlichkeit, um den Katholizismus gerade in Deutschland zu retten.

Immer wieder den Papst und dessen Ausstrahlung auch auf die Jugend zitierend, fordert er mit diesem eine Abkehr von der materiellen Welt, verdammt die gegenwärtige Gesellschaft als „Party-Demokratie“ und „ordinären Rummelplatz“.

Das Buch enthält sehr persönliche Passagen über die strengkatholische Jugend des Autors oder die Beschreibung eines Gottesdienstes in seiner Hamburger Heimatgemeinde. Der ist noch so, wie Matussek sich das wünscht, ist noch ein Eintauchen in eine Gegenwelt der „antimodernen Mysterien“, die für ihn die Kirche und das Zelebrieren ihres Gottes nun einmal ausmachen, mit Ritualen und einer archaischen Sprache.

Er kritisiert den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der eine modernisierte Form des Vaterunser geschrieben habe, und die Pfarrer in deutschen Kirchen, die sich nicht mehr trauen, von Wiederauferstehung und anderen Dingen zu reden. Es gehe nicht darum, die Kirche der Gegenwart anzupassen, der gläubige Mensch habe vielmehr sein Leben nach den Vorgaben der Kirche zu richten. Ob er sich da auch ein Gesundschrumpfen vorstellen könne, wird er gefragt. „Wir müssen es riskieren, notfalls in die Katakomben zurück“, antwortet er. 

Natürlich sei es möglich, gegen das Zölibat und für eine möglichst weite Öffnung für moderne Gesellschaftsströmungen zu sein. „Das gibt es aber schon, das heißt Protestantismus“,  lächelt er und erinnert daran, dass die evangelische Kirche mit eben diesem Weg noch viel mehr in der Krise stecke, als die katholische. „Wir sind etwas Besonderes, bei uns müssen sich die Leute besonders anstrengen, um dazu zu gehören“, dies müsse die Botschaft sein.

Matussek verurteilt den Kindesmissbrauch, „die 99 Prozent der Fälle außerhalb unserer Kirche aber auch!“.  Er schlüpft in die Rolle von Don Camillo, um sich zu wünschen, wie einst Fernandel ab und zu mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Die Kreuzzüge seien schlimm gewesen, „aber die Muslime haben Jerusalem zuerst mit dem Schwert erobert“. Und die meisten Hexenverbrennungen gingen auch auf die Konten der Protestanten oder anderer Religionen.  

Nur einer im Auditorium wirkt am Ende zweifelnd. Er sei 24, könne kein Latein und sei nicht mit der von Matussek und dem Papst zurückgewünschten Mundkommunion aufgewachsen. Was der Autor denn in Sachen Jugendarbeit zu sagen habe, will er wissen. Matthias Matussek überlegt, mit Jugendarbeit habe er nicht viel Berührung. Dann erzählt er von seinem Sohn, der noch bete, aber auch nicht mehr in die Kirche gehe. So wie er selbst in jenem Alter. Aber er sei ja auch irgendwann umgekehrt, nickt er mit Überzeugung. Und schon jetzt sei dem Sohn „der ritualisierte Gottesdienst viel lieber als irgendwelche Gesprächskreise“.  Zustimmendes Lachen im Saal.


25.05.2012
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