Aktuelle Ausgabe
2012-20

Für einen Juden undenkbar, Blut zu verzehren

Wir wollen kein Wischiwaschi

Kritisch zum Neuen Testament: Rabbiner Henry G. Brandt.Foto: mk

Was Jesus im Johannesevangelium über das himmlische Brot, über sein Fleisch und sich selbst sagt, musste Menschen jüdischen Glaubens damals provozieren. „Da stritten sich die Juden“, heißt es, und später: „Was er sagt, ist unerträglich.“ In einem Interview mit dem jüdischen Präsidenten des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Rabbiner Henry G. Brandt, greift der DOM die Kontroverse von damals noch einmal auf.

von Michael Kinnen

Herr Rabbiner Henry Brandt, ist diese Bibelstelle für Sie als Jude eine wirkliche Provokation?
Nein. Ich sehe darin keine Provokation; ich fühle mich dadurch nicht angesprochen. Die Juden sollen da negativ dargestellt werden, weil sie kein Verständnis haben. Aber ich denke: Sie sind sich treu, wenn sie mit Unverständnis reagieren. Es herrschte ja in der Zeit der Entstehung dieses Textes ein innerjüdischer Streit: Für diejenigen, die an der traditionellen Lehre festhalten, ist es völlig unannehmbar, Blut zu verzehren. Das ist im Judentum eines der absolutesten Verbote, das aus dem Respekt vor dem menschlichen Leben kommt. Nach jüdischer Vorstellung ist im Blut die Lebenskraft.
Die christlichen Theologen weisen heute ja darauf hin, dass es in dieser Schriftstelle nicht um Kannibalismus geht, sondern um das ganzheitliche Aufnehmen der Hingabe Christi.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für einen Juden dann eher akzeptabel wird, selbst wenn es nur symbolisch gesehen würde. Die Vorstellung, selbst im Bild, dass es Gottes Wille sein könnte, Blut zu verzehren: Da sträubt sich jedes jüdische Nackenhaar.

Sie sehen also das Problem vor allem in der Entstehungszeit?
Ja, dabei spielen auch eher griechisch-römische Einflüsse eine Rolle, als dass eine Wurzel im Jüdischen zu erkennen wäre. Wir nehmen zur Kenntnis, dass das in einer innerjüdischen Auseinandersetzung der damaligen Zeit entstanden ist, in der auch Polemik eine Rolle spielt.
Und gerade weil ich dies aus der Entstehungsgeschichte lese, frage ich mich, ob eine solche Stelle heute noch verstanden werden kann.

Der Inhalt dieser Stelle, deutet man ihn als einen Hinweis auf die Eucharistie,– ist Zentrum des christlichen Glaubens. Wie gehen Sie damit um?
Ich nehme das als jüdischer Theologe respektvoll zur Kenntnis. Dort haben wir aber keine gemeinsame Basis für einen Kompromiss. Das ist eine Trennungslinie, die für einen Juden unüberschreitbar ist. In der Frage der Eucharistie wird es keine Gemeinsamkeit zwischen Juden und Christen geben.

Das sind klare Worte von jemandem, der seit Jahrzehnten im christlich-jüdischen Dialog tätig ist. Wo haben in diesem Dialog solche zentralen theologischen Fragen ihren Ort?
Es gibt Differenzen. Wir arbeiten nicht daran, dass ein „Wischiwaschi-Juden-Chris­tentum“ entsteht, bei dem das Besondere der jeweiligen Religion verwässert oder ausgelöscht wird. Der Deutsche Koordinierungsrat und die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, in denen ich tätig bin, sind in erster Linie auch keine theologischen Diskussionsgruppen; sie sind Vereine, in denen sich Christen und Juden zusammenfinden, um sich besser kennenzulernen, um Vertrauen zu bilden. Die theologischen Probleme werden eher in Gesprächskreisen wie dem des Zentralkomitees der deutschen Katholiken mit den Juden oder im Gesprächskreis der Bischöfe mit den Rabbinern angegangen.

Was kann dabei erreicht werden?
Es gilt, im offenen, ehrlichen, respektvollen Gespräch die Gemeinsamkeiten herauszustellen, die oft verdeckt sind, manchmal auch aus früheren feindlichen Motiven. Es gab da auf beiden Seiten Versäumnisse. Wir sind nun mit der Aufräumarbeit beschäftigt, und die ist schon weit gediehen. Im vergangenen Jahrhundert gab es viele christliche Theologen und Historiker, die sich mit der Zeit des beginnenden Christentums und dessen Verbindungen zu den jüdischen Wurzeln beschäftigten. Es gab auch viele jüdische Gelehrte, die sich intensiv mit dem Christentum beschäftigt haben, sodass viel Schutt weggeräumt worden ist und wir enorm viele Gemeinsamkeiten finden. Gleichermaßen kristallisieren sich dabei aber auch die Unterschiede heraus, die, reduziert auf das Wesentliche, aufzeigen, wo die Grenzen sind.

Sind Sie also eher pessimis­tisch?
Nein. In einem belastbaren Dialog müssen wir auch die Spannung in der Anerkennung dessen, was der andere glaubt, aushalten können. Das darf kein Grund sein für Feindschaft oder Gewalt. Dabei muss man schweigend dem Gegenüber zugestehen, dass unterschiedliche Gruppierungen glauben, eigene Wege zu Gott zu haben.

Wie ist Ihre Prognose für die kommenden Jahre in diesem Dialog?
Die Arbeit ist noch lange nicht vollendet. Wenn man einen solchen Weg weitergeht, findet man immer neue Möglichkeiten. Es hat in jüngster Zeit Rückschläge gegeben, die eher im kirchlich-politischen Bereich liegen. Ich denke an die Debatte um die Pius-Brüder oder die Karfreitagsfürbitte im alten Ritus. Auf einem gemeinsamen Weg gibt es immer auch mal Abwärtsbewegungen. Ich bin aber dennoch zuversichtlich. Es ist wie an der Börse: Es geht auf und ab, aber die Tendenz ist steigend.


25.05.2012
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