In Polens Kirchen entstehen alljährlich die Karfreitagsgräber
Wo Frömmigkeit auf Politik trifft
„Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen.“ So überliefert der Evangelist Matthäus das schlichte Begräbnis Jesu. Die Zeilen sind auch liturgischer Bestandteil der 14. Station des Kreuzweges am Schluss der Karfreitagsliturgie. In Polen wird das Geschehen seit langem nachgestellt: In den meisten katholischen Kirchen des Landes steht zwischen Karfreitag und Ostersonntag eine Nachbildung des Grabes Jesu.
Text und Fotos: Markus Nowak
Schon am Abend des Gründonnerstag werden in den Kirchen zwischen Oder und Bug die Monstranzen mit den Hostien in eine als Kerker hergerichtete Kapelle oder zu einem Seitenaltar getragen. Diese Tradition verweist auf die Ereignisse nach dem Letzten Abendmahl, als Jesus nach dem Verrat des Judas gefangengenommen wurde. Gemeindemitglieder wachen während der ganzen Nacht in den Kapellen und beten.
Dann, am Karfreitag, wird die Monstranz feierlich wieder hervorgeholt. „Unsere Prozession führt dreimal um die Kirche, danach bringen wir das Allerheiligste in das Grabmal“, erklärt Robert Kaminski, Vikar der Warschauer Erlösergemeinde. Ein Ritual, das nicht nur rund um das 1902 erbaute Gotteshaus, sondern landesweit unter großer Beteiligung der Gläubigen begangen wird.
Das nachgebaute Grab soll sichtbar an das biblische Vorbild erinnern: Oft besteht die Ummantelung aus Stein, denn billige Felsimitate aus Kunststoff sollen vermieden werden. So empfiehlt es Pfarrer Zbigniew Wit von der Liturgie-Kommission der Polnischen Bischofskonferenz in einer Handreichung. Dabei sollen die Gestalter des Grabmals durch dessen Architektur, Dekoration und Beleuchtung „die Anwesenheit der Eucharistie in der Gemeinschaft der Glaubenden deuten“. Die künstlerische Gestaltung solle „dem Mysterium der Auferstehung gerecht werden“.
In der Warschauer Erlöserkirche wird alljährlich eine 120 Zentimeter große Jesusfigur in ein solches Grab im Seitenaltarraum gelegt. Getreu der biblischen Überlieferung wird die Gipsfigur in ein Leinentuch gehüllt, ebenso die Monstranz. Der nachgebildete Leichnam des Gekreuzigten ist zwar Mittelpunkt der Darstellung, doch Jahr für Jahr wird eine neue Variation in der Ausgestaltung des Grabes gewagt. Vikar Robert Kaminski ist als einer von sieben Geistlichen der Warschauer Erlösergemeinde maßgeblicher Ideengeber für die Grabbauten. In diesem Jahr hat er sich die Frage nach der Wahrhaftigkeit in modernen Gesellschaften vorgenommen: „Auf der einen Seite des Grabes soll die Heilige Schrift als Ausdruck der Wahrheit angebracht sein und auf der anderen Seite – als Gegenteil davon – ein Blatt aus der Klatschpresse“, so schwebt es dem 44-Jährigen vor.
Politischen Inhalt hatten die Karfreitagsgräber immer wieder. Landesweite Berühmtheit erreichte 1985 das Jesusgrab aus der Warschauer Stanislawa-Kostki-Kirche, der ehemaligen Wirkungsstätte des ermordeten Priesters Jerzy Popieluszko. Neben seiner Soutane wurde die Ermordung des „Solidarnosc-Pfarrers“ durch den Geheimdienst dargestellt. „Gräber mit politischen und patriotischen Symbolen gab es schon immer“, weiß Kaminski.
In der Zeit des Zweiten Weltkriegs, so erzählt er, symbolisierte man etwa in Warschauer Kirchen mit Stacheldraht die NS-Konzentrationslager.
„Heutzutage werden jedoch vor allem alltägliche Motive mit einer theologischen Bedeutung verbunden“, erklärt der Vikar. Dabei versuche er selbst Mittel zu finden, die von den Gläubigen leicht verstanden werden können.
Die Liturgie verstehen, das war auch die ursprüngliche Intention der Karfreitagsgräber. Die Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück: Die Gläubigen konnten die Schrift nicht lesen, also wurden Bibelszenen nachgespielt – so entstanden immer schon Passionsspiele an vielen Orten. Abgewandelt davon wurde das Kreuz verehrt, symbolisch in ein Grab gelegt und als Zeichen der Auferstehung wieder erhoben. Im 10. Jahrhundert wurde die Bestattung Jesu vom Augsburger Bischof Ulrich veranschaulicht: Am Karfreitag soll er Hostien mit einem Stein abgedeckt und am Ostersonntag wieder hervorgeholt haben. Ab dem 11. Jahrhundert erscheint die Tradition der Ausstellung des Allerheiligsten auf dem Gebiet des damaligen Königreichs Polen, zahlreiche Kerzen und Blumen schmückten die Szenerie.
Solche Dekoration ist auch heute ein zentrales Element der Gräber; vor allem Frühlingsblumen wie Osterglocken oder Tulpen dürfen nicht fehlen. „Die Menschen verhalten sich tatsächlich so, als gingen sie zu einer Beerdigung und legen Blumen nieder“, berichtet Vikar Robert Kaminski. In Großstädten wie Warschau sei es üblich, dass die Gläubigen wie Touristen von Kirche zu Kirche ziehen, um die Gestaltung der Gräber zu sehen.
Unter ihnen ist alljährlich auch die 22-jährige Medizinstudentin Malorzata Derlatka. Bei ihr zu Hause sei es mittlerweile Brauch, dass die Familie nach der Karfreitagsliturgie die Gräber der anderen Kirchen ebenfalls besucht. Auch wenn es keinen Wettbewerb um das „schönste Grab“ gibt wie bei den Weihnachtskrippen in einigen polnischen Städten, so gefiel der Studentin zuletzt das Arrangement einer Kirche besonders: Die Gestalter des Grabes in der St.-Anna-Kirche, einem Gotteshaus in der Altstadt der Weichselmetropole, legten die Jesusfigur in ein Krankenhausbett – und machten so auf das spärliche Angebot an Hospizeinrichtungen in Polen aufmerksam.







