Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Wunder in Zeiten des Mangels

Bernhard Lerch ist Pfarrer von St. Marien Bad Berleburg und Leiter des Pastoralverbundes Wittgenstein.

Auf Gottes wundervolles Wirken vertrauen und die eigenen Kräfte ins Spiel bringen, das hilft Krisen bewältigen. 

von Bernhard Lerch 

Ob man aus dieser Wunder-erzählung eine Handlungsanweisung für die heutige Zeit gewinnen kann? Wunder in unserer Zeit? Zunächst aber ist uns die Stimmungslage der heutigen Geschichte merkwürdig vertraut, dieses Gefühl des Defizitären, des Mangels: „Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische.“ Unsere -Kräfte und Möglichkeiten reichen schlicht und ergreifend nicht, damals wie heute. Also muss zunächst einmal eine Situationsanalyse her. Den Jüngern gelingt das in beeindruckender Kürze: Es ist spät, der Ort ist abgelegen, die vielen Menschen hungrig, die eigenen Ressourcen zu knapp. Natürlich ergibt sich aus der Sachlage nur eine Lösung, dass nämlich die Menschen fortgeschickt werden müssen. Und mit dieser bitteren Aufgabe wird auch gleich Jesus selbst betraut, denn derartige Botschaften verkündet man nicht gerne selbst. Die Antwort Jesu steht quer zu allen klugen Berechnungen der Jünger: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen.“  

Jesus rückt die Perspektiven zurecht, indem er die Bedürfnisse der Menschen zur Grundlage seiner Überlegungen macht. Jesus weiß, dass die vielen Menschen sich nicht zu Fuß aus den Städten auf den Weg hinter ihm her in eine einsame Gegend gemacht haben, um gleich wieder weggeschickt zu werden. Das werden sie einfach nicht mitmachen, diese Lösung ist keine. Vielmehr spürt Jesus das Vertrauen der Menschen, die gerade noch erlebt hatten, wie die Kranken in ihrer Mitte von ihm geheilt wurden. Diesem Menschen vertraut man auch sein Schicksal an, wenn es beginnt, dunkel zu werden. Und dann spielt sich das Brotvermehrungswunder ab. Wirklich nötig war es nicht, sicher hätten die vielen Menschen mit ihrem Jesus auch die Nacht durchgefastet, so furchtbar wäre das ja nun auch nicht. 

Für die Jünger aber gilt es, etwas ganz entscheidendes zu lernen, eigentlich gilt das Wunder ihnen. Sie haben nämlich bei ihrer Situationsanalyse und Ressourcenkalkulation vergessen, die unbeschränkten Ressourcen Gottes mit einzubeziehen. Vielleicht fehlte es ihnen sogar an der Bereitschaft, damit zu rechnen, dass Gott wirklich in der Weltgeschichte handelt. Später werden die Jünger und ihre Nachfolger erleben, wie mit aussichtslosen Mitteln und Kräften Gott noch ganz andere Wunder wirkt. Wie aus dem kleinen Häuflein im Abendmahlssaal die Weltkirche wird, wie ein paar iro-schottische Wandermönche ein ganzes, finsteres Germanien zum Glau-ben bekehren. 

Das Erleben des Defizitären, des Mangels, ist in der Kirchengeschichte eigentlich der Normalfall. Insofern sind wir in der Kirchenkrise unserer Zeit nur in diesen Normalzustand zurückgekehrt. Das heutige Evangelium gibt uns zur Bewältigung unserer Probleme keine detaillierte Handlungsanweisung, aber sehr wohl den verbindlichen Hinweis auf eine notwendige christliche Grundhaltung in all unserem Tun: Wir müssen das Vertrauen haben, dass Gott tatsächlich handelt, und zwar verbunden mit unserem Mühen. Heißt das, dass uns doch wieder nichts übrig bleibt, als auf ein Wunder zu hoffen? Nein, ganz im Gegenteil – wir können fest mit einem Wunder rechnen! Wie es aussieht, wissen wir  natürlich sowenig, wie wir die Gestalt unserer Kirche in 30 Jahren wissen könnten. Aber, dass Gott auch in unsere Geschichte hinein handelt, ist sicher. Wenn man daran nicht glaubte, würde das Wunder eben an einem vorübergehen. Heute gilt uns Christen wieder das Wort Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen.“ Mal sehen, was Gott mit unseren beschränkten Ressourcen für Wunder wirken wird.

 

 


25.05.2012
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