Aktuelle Ausgabe
2012-20

KZ-Überlebende erzählten in der Paderborner Gemeinde St. Hedwig

Wunder inmitten des Schreckens

Die Paderborner Ursula (l.) und Ulrich Fox (r.) begleiteten als ehrenamtliche Mitarbeiter des Maximilian-Kolbe-Werks die KZ-Überlebenden (v. l.) Marian Plackowski, Krystyna Paradysz, Adolf Kasprzyk und Stefania Wernik bei ihrem Besuch in der Paderborner Gemeinde St. Hedwig.Foto: Götte

Paderborn. Ganz still ist es im Pfarrheim St. Hedwig in Paderborn. Der Pfarrgemeinderat um den Vorsitzenden Ulrich Möhl hat zu einem besonderen Abend eingeladen. Rund 50 Zuhörer, vom Alter bunt gemischt, sitzen gebannt auf ihren Stühlen und hören aufmerksam zu. Vor ihnen sitzen vier Opfer des Nazi-Regimes aus dem damaligen Oberschlesien.

Allesamt haben sie verschiedene Konzen­trationslager überlebt. Marian Plackowski schildert gerade, wie er durch amerikanische Bomben im Konzentrationslager Mauthausen schwer verletzt wurde und eine Nacht unter dem Schutt verbrachte. „Die Österreicher haben mich gerettet. Eine Woche war ich in der Obhut von Schwestern im Krankenhaus“, schildert der 79-Jährige. Sonst wäre er wohl im Krematorium verbrannt worden.
Zusammen mit elf weiteren KZ-Überlebenden weilt Plackowski auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werkes in Paderborn, schildert seine Erlebnisse vor Schülern oder bei Veranstaltungen wie an diesem Abend in der St.-Hedwig-Gemeinde. Seine Rettung sei wie ein Wunder angesehen worden, sagt der 79-Jährige, der aus der Nähe von Posen stammt. Er habe viel zur Muttergottes gebetet, sie habe ihn wohl erhört.
Das Wort „Wunder“ kommt auch über die Lippen von Stefania Wernik. Die heute 63-Jährige ist im KZ Birkenau, einem reinen Frauenlager geboren. Die Babybekleidung wurde aus Häftlingskleidung genäht, ihre Mutter wurde von den Deutschen geschlagen und dazu gezwungen, Gräben auszuheben. Bis zum Jahr 1979 hat Stefania Wernik ihren Geburtsort verschwiegen. „Meine Mutter hat bis zu ihrem Tod von den Erlebnissen geträumt“, schildert sie und ergänzt: „Die jungen Menschen heute sollen Freundschaft schließen, damit sie so etwas wie wir nicht erleben müssen.“
Ständig rauchende Krematorien – das Bild verfolgt Krystyna Paradysz bis heute. Die gebürtige Warschauerin erzählt vom dürftigen Essen, mangelhaften hygienischen Verhältnissen und todbringenden Hochspannungsdrähten auf der Lagermauer – Häftlingsalltag am KZ Ravensbrück. Zwölf Stunden täglich musste sie später in einer Munitionsfabrik arbeiten. Der Kommandant stand immer mit dem Schlagstock dabei. „Eine Aufseherin hat mich gut behandelt, hat mich nicht verraten, als sie einen von mir geschmuggelten Ring entdeckte“, sagt sie und kommt zu dem Schluss, dass es „gute und schlechte Deutsche gegeben hat“. Den Glauben, wieder in die Heimat zurückzukehren hat sie nie verloren, den Glauben an Gott auch nicht. Aus Brot und Spucke hat sie damals die Kügelchen für den Rosenkranz gefertigt.
Adolf Kasprzyk wurde als Kind ins Konzentrationslager deportiert. Mit über 250 Kindern war er ganz auf sich allein gestellt. Auch als der Lagerkommandant eines Tages die Häftlinge, die aus der näheren Umgebung kamen, frei ließ. „Die Front war nicht weit weg, erst bei den Rotarmisten ging es uns dann besser.“ Einen Groll gegen die Deutschen hegt der 77-Jährige heute nicht mehr, auch, weil „sich die Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, interessieren“, wenn sie auch insgesamt wohl zu wenig wüssten.
„Mir ist heute noch einmal bewusst geworden, dass es damals nicht nur jüdische Opfer gegeben hatte“, sagt Gemeindemitglied Monika Krieg. Sie habe Erfurcht vor den schrecklichen Erfahrungen und davor, wie die Opfer trotzdem ihr Leben meistern.
Andreas Götte


25.05.2012
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