Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Kapuziner-Pater Regli denkt nach über die Konsequenzen einer Liebe zu Gott

Zählen nur noch Prestige und Erfolg?

Liebevolle Haltung zur Schöpfung: Pater Josef Regli. Foto: Kaiser

Die Frage nach den Geboten im Evangelium vom Sonntag ist eine schwierige. Und als Jesus dann noch beide Liebesgebote nennt, wird es in der Unterscheidung der Rangfolge unübersichtlich. Wie kann das passen, den Herrgott, sich selbst und den Nächsten gleichermaßen zu lieben? Der Kapuziner Josef Regli aus der Schweiz kennt die Unsicherheit vieler Menschen aus seiner Arbeit als geistlicher Begleiter.

von Andreas Kaiser

Wie liebt man Gott?
Gott zu lieben, heißt in erster Linie sich nach dem Willen Gottes auszurichten. Im Johannesevangelium sagt Jesus, wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Liebe ist dort nicht so sehr ein Gefühl, sondern eine Tat. Gleiches gilt für die Nächstenliebe. Es geht um konkrete Handlungen, um Hilfe für die Notleidenden zum Beispiel.

Genau das aber ist eine uralte jüdische Forderung. Bereits im Tanach, im Buch Levitikus heißt es: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Mit dem gleichen Slogan hat der Zentralrat der Juden 2004 einen Spendenaufruf für die Opfer der Flutkatastrophe gestartet.
Natürlich war Jesus fest in der jüdischen Tradition verwurzelt. Typisch für ihn aber ist, dass er die Gottes- und die Nächstenliebe quasi in einem Atemzug nennt. Unter Gläubigen bestand ja damals wie heute die Gefahr, sich zu sehr an den Geboten, an den Ritualen oder den Reinheitsvorschriften auszurichten. In den Gottesdienst zu gehen, um Seelentrost zu bekommen, macht nicht so viel Mühe wie sie der tätige Einsatz für Randgruppen erfordert.

Sigmund Freud kritisierte das Liebesgebot als Überforderung des Menschen.
Freud betrachtet die Liebe als Gefühl, dass ich jeden Menschen in jedem Augenblick emotional lieb haben soll. Dass ich meine Aggressionen unterdrücke. Für Jesus aber hat Liebe damit nichts zu tun. Liebe ist Tat. In der Lukasfassung des Hauptgebotes wird dies besonders deutlich. Der barmherzige Samariter hatte keine emotionale Bindung zu dem Mann, der unter die Räuber gefallen war. Er hat einfach geholfen. Ganz nüchtern und sachlich.

Es geht also nicht darum, sich selbst für seinen Nächsten aufopfern?
Nein. Es geht nicht darum, sich ausnutzen zu lassen. Es geht auch um Abgrenzung. Der Samariter hat seinen Schützling ja nicht mit zu sich nach Hause genommen und drei Monate gesund gepflegt. Er hat ihn ins Gasthaus gebracht, bezahlt und andere eingebunden. Es geht darum, mir bewusst Gedanken zu machen, wo kann ich wem etwas geben. Ich kann ja auch Institutionen unterstützen, die helfen … Manchmal bedeutet Nächstenliebe, meinem Nächsten zu sagen. Du, da bin ich überfordert, Du brauchst professionelle Hilfe …

Was passiert mit dem Menschen, der in der Tat scheitert. Wenn ich am Nächsten vorbeigehe und dem Bettler keinen Cent gebe?
Der Ausdruck „scheitern“ ist mir zu extrem. Es geht darum, eine liebevolle, wohlwollende Haltung der gesamten Schöpfung gegenüber einzuüben. Auch der Umwelt gegenüber. Einüben heißt aber nicht, dass ich es etwa schon perfekt kann. Liebe ist eine Entscheidung, die ich notfalls immer wieder neu treffen muss.

Werden wir mal etwas konkreter, wie übe ich Nächstenliebe am Arbeitsplatz aus – in einer Leistungsgesellschaft, in der vor allem Konkurrenz großgeschrieben wird?
Es geht darum, möglichst gut mit meinen Mitmenschen, aber auch mit mir selbst umzugehen. Mir Gedanken darüber zu machen, welchen Preis ich bezahle, wenn ich den besser bezahlten Job übernehme. Mich zu fragen, komme ich möglicherweise mit weniger Geld aus? Mir meine Beweggründe anzuschauen: Zählen für mich nur noch Pres­tige und Erfolg? Gott zu lieben, könnte dann heißen, ich erlaube mir einen menschlichen Umgang mit meinen Kollegen. Oder ich verzichte auf Leitungsaufgaben und habe dafür mehr Zeit für die Familie, für meine Kinder. Mehr Zeit auch für mich.
Für Erich Fromm war Selbstliebe Voraussetzung für Nächstenliebe ... 
Es geht nicht um die heute vielfach verbreitete Egozentrik, wo die eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer in den Vordergrund gestellt werden. Beim Evangelium geht es um eine tiefere Dimension. Mich selbst mit meinen Verletzungen anzunehmen. Mir gegebenenfalls auch meine negativen Seiten, meine Schatten anzuschauen. Vielleicht komme ich dann beispielsweise darauf, dass ich heute oft noch mit Wut und Vorbehalten auf mein Gegenüber reagiere, weil meine Mutter meinen Bruder mehr geliebt hat, ihn mir gegenüber oft bevorzugt hat.

Überall auf der Welt häufen sich Fälle unterlassener Hilfeleistung. Menschen gehen immer häufiger achtlos an einer Unfallstelle vorbei.
Ein Grund dafür ist sicherlich die zunehmende Anonymität. In einem Dorf, wo jeder noch den anderen kannte, war Hilfe selbstverständlicher. Auch die Reizüberflutung durch die Massenmedien hat zu einer Art Abgrenzung, Abschottung geführt. Ein Mensch kann sich unmöglich alle schlimmen Nachrichten zu Herzen nehmen. Vielen fällt es schwer, zu unterscheiden, wo ihr Mitgefühl gefragt ist. Nämlich dann, wenn etwas direkt neben ihnen auf der Straße geschieht und nicht irgendwo weit weg im Fernsehen.

Menschen begegnen sich aber nicht nur auf der Straße, ­sondern vor allem im Nah­bereich …
Auch in Partnerbeziehungen gibt es die große Gefahr, dass Haltung und Gefühl verwechselt werden. Wenn die erotische Anziehung weniger wird, wird heute schnell gesagt: Ich liebe dich nicht mehr. Doch wir sollten da trennen. Früher war Partnerschaft viel stärker eine Entscheidung, ein Projekt miteinander durchzuziehen, eine Familie zu gründen. Kinder großzuziehen. Wie gesagt, es geht immer um Entscheidungen, um verantwortungsvolles Handeln auch mir selbst gegenüber. Um die richtige Balance. Wenn ich merke, es geht mir schlecht in einer Beziehung, muss ich schauen, was brauche ich, damit es mir besser geht. Mehr Stille. Mehr Zeit für mich. Sport? Wenn ich gut für mich selbst sorge, geht es mir besser, dann komme ich besser mit meiner Umwelt klar. Dann geht es allen besser!


25.05.2012
Impressum | Kontakt
4002