Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Zeichen der Zeit erkennen

Domvikar Msgr. Alois Schröder ist Dompastor am Hohen Dom Paderborn

Die Frohe Botschaft an diesem Sonntag, das Evangelium, spricht von Krisen und Katastrophen. Jesus fordert im Evangelium dazu auf, das Leben vom Ende her zu denken. Also nicht über ein Versinken in ein Nichts, sondern stattdessen über den Beginn einer neuen Wirklichkeit nachzudenken. Dompastor Alois Schröder empfiehlt in seiner Auslegung deshalb auch, sich angesichts dessen im Geiste Jesu zu engagieren. Denn so sei auch heute schon die Zukunft spürbar.

von Msgr. Alois Schröder

Das Kirchenjahr geht mit Riesenschritten seinem Ende entgegen. Die Liturgie dieses vorletzten Sonntags bringt uns Texte zu Gehör, die auf die „letzten Dinge“ verweisen. Zudem verstärkt der November den Eindruck der „Endzeit“ und verbreitet eine entsprechende Stimmung. Als Totenmonat wird er seinem Charakter mehr als gerecht, sowohl in seiner herbstlichen Gewandung wie auch mit seinen Gedenktagen wie Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag, früher auch Buß- und Bettag. Er führt uns die Wahrheit vor Augen, dass alles Irdische, so auch wir, den Keim der Vergänglichkeit und Sterblichkeit in sich trägt: „Mitten im Leben sind wir mit dem Tod umfangen.“ Ernüchternd und befreiend zugleich ist diese Wahrheit über uns und unsere Welt!
Das gilt auch für das Evangelium dieses Sonntags. Es ist die „Frohe Botschaft“ aus dem Munde Jesu, obwohl sie von Krisen und Katastrophen spricht. Die Zeit Jesu und die Zeit der ersten Christen war von einer Endzeitstimmung geprägt. Diese rechneten mit einem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt. „Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht.“ Sie lebte in der Naherwartung des Herrn. Als jedoch die ersten Zeitzeugen Jesu starben, erkannten sie, dass sie sich auf eine längere Zeit bis zu seiner Wiederkunft einstellen mussten. „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand…, sondern nur der Vater.“ Dem Evangelisten dienen die Zerstörung des Tempels und der Untergang Jerusalems als Vorlage, auf der er sich die endzeitlichen Ereignisse ausmalt. Sie sind Vorspiel für das alles entscheidende Ereignis, die Wiederkunft Christi.
Am Bild vom Feigenbaum macht Jesus uns klar, was die Stunde geschlagen hat. So sollen auch wir Ereignisse in unserem persönlichen Leben und im Weltganzen als Zeichen der Zeit verstehen und im Licht des Evangeliums deuten (vgl. 2. Vat. Konzil, GS 4). Dabei sollen wir vom Ende her denken, das nicht das Versinken in ein absolutes Nichts, sondern der Beginn einer neuen Wirklichkeit sein wird, ein „neuer Himmel und eine neue Erde“ (Offb 21,1).
Der Evangelist bedient sich apokalyptischer Begriffe und Bilder, um das alles erschütternde und verwandelnde Geschehen zu umschreiben. Im Tod und in der Auferstehung Jesu und ihren Begleiterscheinungen dürfen wir ein Vorausbild jenes Endereignisses sehen. Da ist die Rede von einer großen Finsternis im ganzen Land und dass die Erde gebebt habe (vgl. Mt 27,45.51; 28,2). Neuwerdung geschieht auf dem Wege der Erschütterung alles Bisherigen. Auferstehung und Vollendung geschehen auf dem Wege der Verwandlung in eine ganz neue Wirklichkeit. Und all das ist Sache des Menschensohnes.
Wir aber sollen und dürfen unsere Hände nicht in den Schoß legen. Vielmehr gehen wir mit jedem neuen Tag dem letzten großen Tag entgegen; in der Bereitschaft, uns für eine bessere Welt einzusetzen, für mehr Menschlichkeit und Liebe, für Gerechtigkeit und Frieden. Zukunft bahnt sich mehr und mehr an, wo sich Menschen im Geiste Jesu engagieren. Schon jetzt soll zu erspüren sein, was uns für die Zukunft verheißen ist: „Er (Gott) wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“ (Off 21,4f).


25.05.2012
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