Die Telefonseelsorge Paderborn mahnt zur Sorge um suizidgefährdete Mitbürger
Zu viele nehmen sich das Leben
Paderborn. Jedes Jahr sterben in Deutschland knapp 10000 Menschen durch Suizid. Dies sind ungefähr genauso viele Menschen wie durch Verkehrsunfälle, Aids, illegale Drogen und Gewalttaten zusammen. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen ist der Suizid gar die zweithäufigste Todesursache. Hinzu kommen geschätzt mindestens 100000 Suizidversuche.
Auf diese hohen Zahlen, die in der Öffentlichkeit weitgehend verdrängt werden, wies die Leitung der Telefonseelsorge Paderborn, Monika Krieg und Pfarrerin Monika Dinger, anlässlich des Welttags der Suizidprävention hin. Alle 47 Minuten nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben, Suizidversuche finden alle vier Minuten statt. In den Kreisen Höxter und Paderborn geht man jährlich von 20 bis 30 Selbsttötungen aus.
Gemessen an diesen Fakten ist es auffällig, dass das Thema Suizid in der Öffentlichkeit, aber auch im persönlichen Bereich, tabuisiert und totgeschwiegen wird. Kaum ein anderes Thema ist so von Vorurteilen belegt wie der Suizid. Dies schlägt sich beispielsweise in den Bezeichnungen „Selbstmord“ oder „Freitod“ nieder, die beide dem Phänomen nicht gerecht werden: der Suizid ist keine kriminelle Handlung, denn der Betroffene „ermordet“ sich nicht aus niedrigen Beweggründen. Der Suizid ist zumeist der Endpunkt einer zugespitzten psychischen Krise und großer innerer Not. Dieser psychische Zustand legt kaum die Möglichkeit einer „freien Entscheidung“ nahe. Auch die Meinung, suizidale Menschen wollten unbedingt sterben, ist nachweislich nicht richtig. In der Regel ist der Todeswunsch Ausdruck einer subjektiv erlebten Ausweglosigkeit, in der man gerne weiterleben möchte, wenn man nur wüsste, wie.
Betroffenen Menschen fällt es häufig schwer, ihre Suizidgedanken einem anderen anzuvertrauen. Häufig besteht die Angst, nicht ernstgenommen zu werden, soziale Kontakte zu verlieren oder als psychisch krank bezeichnet zu werden. Auf der Seite von Angehörigen und Freunden gibt es dagegen häufig die Sorge, durch das Ansprechen des Themas einen Suizid gerade erst zu provozieren.
Menschen, die sich mit Suizidgedanken tragen, sind hingegen häufig dankbar dafür, wenn sie darauf angesprochen werden. Sie erleben sich in einer aussichtslos scheinenden Situation, von der sie glauben, dass sie sie mit ihren zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht bewältigen können. Der Suizidgedanke ist oft verbunden mit einem starken Schwanken zwischen dem Wunsch zu leben und dem Wunsch zu sterben. Ein Gespräch bietet den Betroffenen die Möglichkeit, beide Seiten in den Blick zu nehmen und gegeneinander abzuwägen. Häufig ergeben sich daraus neue Perspektiven.
In den Kreisen Höxter und Paderborn nehmen sich dreimal so viele Männer das Leben wie Frauen. Bei den Suizidversuchen liegen Männer und Frauen etwa gleichauf. Häufig stehen psychische Erkrankungen im Hintergrund. Ein weitgehend verdrängtes Phänomen ist der Suizid im Alter. Auch traumatisch erlebte Ereignisse wie der Verlust wichtiger Bezugspersonen, schwerere Erkrankungen, Veränderungen von Lebensumständen wie Arbeitslosigkeit oder Untersuchungshaft, können bei Menschen Suizidgedanken auslösen.
Keiner bringt sich gerne um! Die Gesellschaft für Suizidprävention ruft aus diesem Grund dazu auf, im Alltag gegenüber möglicher Suizidgefährdung wachsam zu sein und im Ernstfall Hilfsmöglichkeiten zu suchen. Als Ansprechpartner kommen Ärzte und Psychotherapeuten, Institutsambulanzen und Beratungsstellen in Frage. Die Telefonseelsorge berät anonym Betroffene und Angehörige in der Krise und gibt Auskunft zu regionalen Anlaufstellen; sie bietet auch eine Online-Beratung an.







