Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie steht es um die Zukunft der Franziskaner in Deutschland? Pater Franz-Josef Kröger ist Provinzialvikar der Sächsischen Franziskanerprovinz

Zwischen Loslassen und Neubeginn

P. Franz-Josef Kröger wurde 1950 geboren, 1970 trat er den Franziskanern bei. Er absolvierte ein Studium in Münster, Würzburg, Paderborn und empfing die Priesterweihe 1977 durch Weihbischof Nordhues. Seit 2008 ist er im Franziskanerkloster Werl tätig, zurzeit als Provinzialvikar der Sächsischen Franziskanerprovinz und Provinzökonom.

Im kommenden Jahr werden sich die zurzeit noch vier Provinzen des Franziskaner-Ordens in Deutschland zu einer einzigen vereinigen. Ein einschneidendes Datum in der Ordensgeschichte. In seinem Gastartikel macht sich der Provinzialvikar der Sächsischen Franziskanerprovinz, Pater Franz-Josef Kröger, Gedanken über die Zukunft der Franziskaner in Deutschland.

von P. Franz-Josef Kröger

Im Frühjahr 1209 macht sich Franziskus mit seinen ersten Gefährten auf den Weg nach Rom. Bewegte Jahre des Suchens liegen hinter ihm. Nun hat er seine Spur gefunden: ein Leben nach dem Evangelium in den Fußspuren Jesu. Diesen Lebensweg möchte er sich vom Papst bestätigen lassen. Bei sich haben sie eine handgeschriebene „Regel“. Tatsächlich gelingt es ihnen, nicht nur beim Papst vorgelassen zu werden, er bestätigt ihnen auch mündlich, nach der Form des Evangeliums leben zu dürfen. In seinem Testament schreibt Franziskus später dazu, er habe das „Leben nach der Form des Evangeliums … mit wenigen Worten und in Einfalt schreiben lassen, und der Herr Papst hat es mir bestätigt“. Diese „Urregel“, die aus Zitaten aus der hl. Schrift bestanden haben dürfte, existiert heute nicht mehr. Aber die mündliche Bestätigung dieser „Urregel“ im Jahre 1209 gibt dem Orden der Minderen Brüder die Möglichkeit, in diesem Jahr auf 800 Jahre franziskanischen Lebens zurückschauen zu dürfen.
Wie es angefangen hat, darüber gibt es einigermaßen gesicherte Erkenntnisse. Ebenso über die 800-jährige Geschichte der franziskanischen Bewegung. Was aber bleibt? Was kann in eine gute Zukunft geführt werden? Wenn man nur die „nackten Zahlen“ sprechen lässt und die Statistik sieht, dann ist es eine eher ungewisse Zukunft, die sich abzeichnet. Selbst Dokumente des letzten Generalkapitels des Franziskanerordens sprechen von Krise: Unsere franziskanische Familie ist gekennzeichnet von der Krise: zahlenmäßige Abnahme, Unsicherheiten bezüglich unserer Identität, Versuchung zum Aufgeben und zur Mutlosigkeit. Das Wort von der „Krise“ hat in unserem Sprachgebrauch einen eher negativen Beigeschmack. Dabei meint „Krise“ vom Wortsinn zunächst ja nur, dass eine Zeit der Entscheidung gekommen ist. Eine Krise macht ja nicht einfach nur machtlos und ohnmächtig. Sie fordert vielmehr dazu heraus, notwendige Entscheidungen zu treffen – um einer guten und lebendigen Zukunft willen. Entscheidungen, die auch wehtun können und manchmal große Veränderungen mit sich bringen.
Um ihre Zukunft zu gestalten, haben die vier deutschen Franziskanerprovinzen sich schon vor Jahren auf einen gemeinsamen Weg gemacht. Zunächst war nur an eine Kooperation gedacht. Die Selbstständigkeit der Provinzen sollte erhalten bleiben. Aber es zeigte sich schnell, dass nur eine Vereinigung der vier Provinzen der richtige Weg sein konnte. 2007 beschlossen die vier Provinzkapitel diese Vereinigung für das Jahr 2010.
Was ist das Ziel dieser Vereinigung? Man kann von Synergieeffekten sprechen, von „Verschlankung von Strukturen“, von Konzentration auf das Wesentliche, von einem passenden Lebensrahmen für älter und weniger werdende Brüder. Vor allem aber, so sagt es P. Norbert Plogmann, Provinzial der Sächsischen Franziskanerprovinz vom hl. Kreuz, ist die gemeinsame Planung der Zukunft der jungen Generation der Franziskaner in Deutschland geschuldet. Er schreibt dazu: „Die wenigen jungen Brüder, die nachwachsen, werden rein zahlenmäßig das Lebenswerk der vielen älteren Brüder so nicht fortführen können. Alle vier Provinzen stehen vor denselben Fragen: Für wen wollen wir als Franziskaner in zehn oder 15 Jahren in Deutschland da sein? Für welche Lebensinhalte und Überzeugungen wollen wir stehen? An welchen Orten wollen wir als Franziskaner mit unserem Leben und mit unseren Tätigkeiten sichtbar und erfahrbar bleiben? Wer mit seinem Leben Zeugnis ablegen will, der will schließlich auch wahrgenommen werden … Die Vereinigung der Provinzen ist also kein Übel. Sie ist vielmehr ein Gebot der Stunde und ein Dienst an der nachwachsenden Generation.“
Die Suche nach zeitgemäßen Antworten auf all diese Fragen wird auch nach dem Tag der Vereinigung am 1. Juli 2010 weitergehen. Patentantworten gibt es nicht. Maßstab ist und bleibt das Evangelium. Das ist die Kraftquelle, aus der Franziskus selber gelebt hat. Dazu ruft er auch seine Brüder auf, „unseres Herrn Jesu Christi Lehre und Fußspuren zu folgen“. Vielleicht passt an dieser Schnittstelle von Loslassen und Neubeginn ein Wort von Dag Hammarskjöld: „Dem Vergangenen Dank, dem Kommenden Ja.“ Beides aus vollem Herzen!


25.05.2012
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