Im Dienst für die Ärmsten

Firmbewerber servieren im Nachtcafé St. Richard Obdachlosen das Essen

Berlin. „So, auf geht’s“, sagt der Koch Manfred Kociok und gibt Colin Lehmann einen Teller aus der Küche, voll mit Nudeln, Gulasch und Salat. Der 16-Jährige nimmt noch eben Löffel und Gabel aus dem Körbchen auf dem Ausgabetisch und macht sich mit einem großen Schritt von der kleinen Bühne auf hinunter in den Saal. Dort warten mehr als 60 Gäste auf ihr Abendessen.

Elisabeth Cieplik (3. v. r.) weiß, dass es im Nachtcafé ohne Ehrenamtliche nicht geht. Foto: Herrmann

 

von Alfred Herrmann

Colins Schwester Afra schenkt derweil Tee, Kaffee und Kakao an den acht voll besetzten Tischen aus. Die 18-Jährige empfängt wie ihr Bruder die Firmung. Dass beide im Pfarrsaal von St. Richard die Gäste bedienen, ist Teil ihrer Vorbereitung auf das Sakrament. Denn wer an diesem Freitagabend sein Essen von den acht Ehrenamtlichen gekocht und am Platz serviert bekommt, der ist entweder obdachlos oder zu arm und zu einsam, um sich zu Hause selbst etwas Ordentliches zu kochen. Das Nachtcafé in St. Richard im Berliner Stadtteil Neukölln bietet ihnen von Anfang November bis Ende März jeden Freitagabend Wärme im kalten Berliner Winter. Minus drei Grad zeigt das Thermometer an diesem Abend.

„Gott sei Dank habe ich für diese Nacht ein Dach über dem Kopf“, freut sich Josef, der sich jeden Tag ein neues Quartier in der Stadt suchen muss. „Man wird hier am Tisch bedient wie in einem Restaurant und dann noch gleich eine Andacht in der Kirche“, ist Karl glücklich, „das ist wirklich ein Geschenk.“ Und Jürgen, der sich als Stammkunde bezeichnet, schätzt die ruhige und gesittete Atmosphäre. „In vielen anderen Essensausgaben geht es wesentlich rauer zu.“

Afra und Colin absolvieren ihren Sozialeinsatz. Groß ins Gespräch kommen die beiden nicht mit den Obdachlosen. „Wenn sie etwas wollen, sagen sie es uns. Sonst bleibt es beim Hallo und Auf Wiedersehen“, berichtet Afra. Dennoch machen beide ihre Beobachtungen. „Auf der Straße haben Obdachlose meist etwas Unglückliches oder Gestresstes. Sie hier lachen zu hören, erstaunt mich“, meint Colin ehrlich. Afra gibt zu, dass ihr obdachlose Menschen auf der Straße unangenehm sind und auch schon mal Angst machen. Ihnen nun in einem sicheren Rahmen zu helfen, sei schön, andererseits rege sie der Abend im Nachtcafé zum Nachdenken an: „Man ist sich oft gar nicht bewusst darüber, dass vieles, was man für ganz selbstverständlich hält, wie ein Bett zum Beispiel, andere nicht haben“, so die Firmbewerberin.

Als sich um 19.30 Uhr die Türen für die Gäste öffnen, haben Afra und Colin bereits anderthalb Stunden hinter sich. Es mussten Kleiderspenden sortiert, die Tische eingedeckt, Kaffee gekocht werden. Ein Teil des Gemeindesaales ist durch einen langen Vorhang abgetrennt. Dahinter befinden sich 25 Schlafplätze, vorbereitet durch die beiden Firmbewerber: zwei Isomatten, ein Laken, ein Kopfkissen, eine Zudecke, eine Wolldecke, ein Handtuch pro Platz. Wer hier übernachtet, schläft auf dem Fußboden. Am Morgen gibt es Frühstück und heißen Kaffee, bevor die obdachlosen Frauen und Männer wieder auf die kalten Straßen Berlins entlassen werden.

Hinter einem großen Bartresen kocht Marion Liebig Kaffee, Tee und Kakao und füllt damit die vielen roten, blauen und weißen Thermoskannen, die Afra leer zurückbringt. „Wir wollen, dass sich die Leute hier wohlfühlen“, betont die ehrenamtliche Helferin aus der Gemeinde. Sie schneidet an diesem Abend Kuchen, verteilt Essen und räumt zum Ende hin die Tische ab. Nicht jedes Mal sei es so ruhig wie an diesem Abend, weiß sie. Alkoholisierte Gäste sorgen immer wieder einmal für Probleme. Dennoch, die Arbeit mit den Obdachlosen gebe ihr viel: „Wenn möglich, komme ich jede Woche.“

Nachdem Colin das letzte Essen verteilt hat, lehnt er zufrieden am Bartresen. „Ich freue mich, dass ich heute Obdachlosen auch einmal etwas geben kann“, wertet er seinen Sozialeinsatz positiv. Als Jugendlicher verfüge er nicht über das Geld, meint er, um Bettlern auf der Straße etwas in die Büchse zu werfen. Auf die Frage, ob er bei diesem Einsatz Vorurteile überwinden konnte, antwortet er: „Definitiv. Vorurteile bleiben eben nur Vorurteile. Um Menschen und Situationen wirklich kennenzulernen, muss man den Kontakt zu ihnen suchen“, das habe er an diesem Abend gelernt. Und auch Afra betont: „Wenn ich nur mit Leuten spreche, die weit weg von der Realität dieser Menschen sind, und nie in Kontakt mit Obdachlosen komme, kann ich keine Vorurteile überwinden.“

Elisabeth Cieplik steht ganz ruhig oben auf der kleinen Bühne des Gemeindesaales. Aufmerksam überblickt sie den Café-Betrieb. „Manchmal ist es sehr laut, dann muss ich auch mal einschreiten“, meint die resolute Frau. Währenddessen geht hinten im Saal eine Hand nach oben. Mit einem Nicken informiert Cieplik umgehend Colin. „Dahinten will noch jemand Nachschlag“, sagt sie zu ihm.

Seit mehr als 25 Jahren ist die 70-Jährige nun Winter für Winter dabei, wenn das Nachtcafé in St. Richard seine Tore öffnet. Organisiert wird es von den drei Pfarreien im Norden Neuköllns.

Cieplik leitet den Betrieb. Die Ehrenamtliche sorgt sich darum, dass genug Essen und freiwillige Helfer da sind. Fünf Schichten braucht es für einen Freitagabend, vom Einkauf über den Koch-, Tisch- und Nachtdienst hin zu jenen, die am Samstagmorgen wieder alles sauber machen und für den Gemeindealltag herrichten. Insgesamt engagieren sich fast 40 Frauen und Männer, damit das Essen auf den Tisch kommt und die Schlafplätze gemacht werden.

Cieplik freut sich über die beiden Neulinge aus dem Firmkurs. „Zwei Mädchen, die vor vier Jahren gefirmt wurden, helfen bis heute immer noch mit“, hofft sie ein wenig, dass Afra und Colin Feuer fangen für die Freiwilligenarbeit mit Obdachlosen in ihrer Gemeinde. „Heute habe ich hier sehr positive Erfahrungen gemacht, also möglich, dass ich wiederkomme“, meint Colin auf Nachfrage, „doch entschieden habe ich mich noch nicht.“

Um 21.45 Uhr läutet Pfarrer Kalle Lenz die Nachtruhe ein. Wer nicht im Saal schläft, muss nun gehen. Auch Afra und Colin übergeben ihren Arbeitsplatz an die Nachtschicht und gehen nach Hause. „Wer möchte“, lädt der Pfarrer die Gäste ein, „kann mit rübergehen. Wir halten noch ein Nachtgebet.“ Acht Frauen und Männer folgen dem Pallottinerpater in die nur wenig beleuchtete ­St.-Richard-Kirche gleich nebenan. „Du bist das Leben, du bist das Leben“, singen sie dort gemeinsam vor dem Altar und gehen anschließend hi­naus in die eiskalte Nacht.

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